Albträume in Grün

Die Menschen aus der Stadt zieht es ja regelmäßig in die Natur, also raus ins Grüne. Das ist auch prima so, denn wie Wissenschaftler festgestellt haben, tut das der Psyche gut. Deshalb werden auch Räume, in denen sich Mensch schnell mal aufregen, zum Beispiel Kinderzimmer, Wartezimmer oder Seniorenheimflure, auch gerne hellgrün gestrichen. Die Farbe wirkt beruhigend, heilungsfördernd und harmonisierend.

Nun wohne ich nicht mehr in der Stadt und muss für mein Seelenheil nicht mehr aus selbiger flüchten. Im Gegenteil: um mich herum nur Grün, egal aus welchem Fenster ich schaue. Ich sitze sozusagen mittendrin. Deshalb müsste ich eigentlich total gechillt sein, wie so ein Buddha völlig in mir ruhen. Nichts dürfte mich aus der Fassung bringen.

Doch dann das: Albträume! Soweit musste es ja irgendwann kommen. Das Grün, besser gesagt das Grünzeug, verfolgt mich jetzt schon im Schlaf. Meine Paprika erzählen mir nachts Horrorgeschichten. Da stehen sie, völlig verkümmert im Beet, braune Schnecken fressen ihre zarten, weißen Blütenknospen ab, ihre Blätter sind welk, gelb und zerlöchert. Ich schrecke aus dem Tiefschlaf hoch, verstört, verwirrt, die Haare stehen mir zu Berge.

Wäre ich Amerikanerin, würde ich an dieser Stelle wahrscheinlich umgehend zum Telefon greifen und meinen Psychiater anrufen.

Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vermutlich mein schlechtes Gewissen, dass im Unterbewusstsein sein Schindluder treibt. Wären meine Pflanzen Kinder, wäre ich die Rabenmutter. Ich ziehe sie zwar ein paar Wochen heran, aber ab einer gewissen Größe müssen sie dann auch alleine zurecht kommen. Mit Wasser und Dünger bin ich ganz nachlässig und schlecht (es regnet ja sowieso ohne Unterlass). Ich werfe ab und zu einen Blick auf sie, wenn ich morgens die Laufenten füttere. Gehätschelt werden sie jedenfalls nicht. Dazu fehlt mir ohnehin die Zeit. Für eine fette Ernte muss man sich aber leider mehr ins Zeug legen.

Gerade ruft eine Freundin an. Sie hält mir einen Vortrag darüber, wie wichtig es ist, sich in Gelassenheit zu üben. Egal ob man Schwierigkeiten mit Ex-Mann, Kindern oder der Mutter hat, erstmal abwarten, nicht reagieren, ins Leere laufen lassen. Ok, sie hat recht. Aber Gelassenheit zu lernen ist echt schwierig.

Ich arbeite daran. Ich lasse mich von dem mich umgebenden Grün nicht unter Druck setzen. Meine Paprika werden schon noch wachsen, vielleicht gebe ich Ihnen ein bißchen Kompost. Das schaffe ich.

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