Alles geregelt

Ich liebe es, meine Freunde, insbesondere meine Freundinnen, zum Essen einzuladen. Ich schaffe das sogar, ohne die „10 goldenen Regeln für einen gelungenen Abend mit Gästen“, einzuhalten. Diese variieren sowieso je nach Wartezimmer und Zeitschrift, wie ich im Laufe der Jahre festgestellt habe. Es ist erstaunlich, wie oft dieses Thema recycelt wird, aber nun – die Magazine müssen ihre Seiten ja auch irgendwie kostensparend füllen.

Da findet man dann neben so schönen Tipps wie „Planung ist das halbe Leben“ noch tollere Ratschläge wie die, dass man vorher Allergien und Ernährungsgewohnheiten abfragen soll (wahrscheinlich sind damit Diäten und Kohlenhydrate gemeint), dass man Platz schaffen und seine Lieblingsvasen wegräumen soll (hä?), mit einer Playlist für die richtige Stimmung sorgen soll (wenn man das braucht, würde ich sagen, hat man die falschen Freunde eingeladen), bei selbstgebrauten Bowlen den Alkoholgehalt bedenken muss (ich würde eher das Gästezimmer frei räumen) und dass man nur Dinge kochen soll, von denen man weiß, dass sie einem auch gelingen. Ok, darin bin ich ganz schlecht. Am liebsten koche ich nämlich Dinge, die ich vorher noch nie ausprobiert habe, von denen ich aber denke, dass sie echt lecker sein könnten. Hat bislang auch immer funktioniert.

Nein, bei mir beschränken sich die goldenen Regeln auf genau drei (das ist auch viel übersichtlicher):
1. Wein und Champagner kalt stellen
2. das Essen von hinten nach vorne kochen
3. vor dem Kochen hübsch machen und umziehen, unbedingt Küchenschürze umbinden und Schuhfrage später klären.

Meine letzte Einladung war dann auch fast perfekt. Als (ein sozusagen in Grün gehaltenes) Menü hatte ich mir das ausgedacht:
Apéritif: Waldmeisterbowle (erprobt)
Vorspeisen: Gurken-Avocado-Salat (neu), Ottolenghis Spinat-Salat (erprobt), gegrillter Spargel mit Chimichurri (neu), Persische Frittata (neu), alles mit Ciabatta (erprobt)
Hauptspeise: Brennnessel-Ricotta-Ravioli in gebräunter Salbei-Butter (erprobt)
Dessert: Ottolenghis Baiserrolle mit Himbeeren und Pistazien (neu und meine größte Sorge)

Schön, wenn am Vortag noch alles ruhig ist, wenn Brot- und Nudelteig ruhen, Brennnesseln und Waldmeister gesammelt sind und der Geschmack der fertigen Ravioli-Füllung schonmal Gutes verspricht (alles wichtig für den Entspannungsfaktor!).

Aber entscheidend ist ja dann der Großkampftag. Regel Nummer 1 ist dabei die leichteste Übung. Regel Nummer 2 leichter gesagt als getan. In der Küche bricht trotz größter Bemühungen plötzlich das Chaos aus, und – Hilfe! – die Zeit rast nur so dahin. Jetzt zur Beruhigung bloß nicht mit Prosecco oder so anfangen, sondern fokussieren (das lernt man beim Yoga). Die letzte Vorspeise wird kurzerhand gestrichen. Der Tisch ist noch nicht gedeckt. Die Kinder müssen ran und werden in die Pflicht genommen! Wie gut, dass mein Sohn noch ein schlechtes Gewissen wegen meines Geburtstags hat. Das Dessert wird zum Glück perfekt, leider reicht die Zeit nicht mehr für ein Bild, die Erste steht schon vor der Tür. Ohne Regel Nummer 3 hätte ich wahrscheinlich noch in Reithosen dagestanden. Die Schuhfrage ist noch immer nicht geklärt, dann muss es eben barfuß gehen.

Jetzt ein Glas Waldmeisterbowle.

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