„Das Gröbste ist gemacht!“

Kürzlich haben wir Freunde zum Essen eingeladen. Ich habe umfangreich gekocht, was ich gerne tue, und wir hatten dann einen sehr schönen Abend mit sehr gutem Essen (Vorspeise: Zucchini à la Baba Ganoush, dazu Gemüsesticks und geröstete Brotscheiben mit Knoblauch und ligurischem Olivenöl, Hauptspeise: selbstgemachte Ravioli mit Palmkohl-Ricotta-Füllung in Parmesancreme, hinterher: Tarte mit heller und dunkler Ganache, ausserdem noch Käse und für die Herren selbstgemachte, italienische Salami vom Bauernmarkt. Dazu: mehrere Flaschen Wein). Und waren hinterher recht satt und angetütert.

An solchen Abenden stellt sich jedesmal die Frage: noch Küche machen oder gleich ins Bett? Nein, besser gesagt stellt sich diese Frage nur mein Mann. Ich könnte gar nicht in ruhigen Schlaf absacken, ohne die Gewissheit, dass ich am nächsten Morgen meinen Tee verschlafen und in aller Ruhe zubereiten kann, ohne vorher das Messer für den Ingwer unter dem schmutzigen Geschirr oder dem Kochtopfstapel in der Spüle hervorziehen zu müssen. Meine gute Laune, die sich morgens sowieso nur mühsam einstellt, wäre wohl schnell im Eimer…

Also wird die Küche noch gemacht. Das sieht dann so aus, dass mein Mann den Tisch abräumt (natürlich ohne die Krümel abzuwischen, wer käme denn auf diese Idee?) und die paar Teller, Wassergläser und das Besteck in die Spülmaschine sortiert. „Das Gröbste ist gemacht“, stellt er dann befriedigt fest, klopft sich innerlich auf die Schulter und verschwindet.

Ungläubig bleibe ich dann allein zurück, es ist nach Mitternacht, und blicke auf die Schüsseln und Gläser, die nur von Hand abgespült werden dürfen, die verklebte Kuchenform, das Schneidebrett, die benutzten Töpfe, Schneidemesser, Nudelsieb und Kochlöffel und die anderen Dinge, die sich in den Stunden zuvor so angesammelt haben. „Das Gröbste ist gemacht“ heißt also mit anderen Worten so viel wie: „Der Rest ist pillepalle, nicht der Rede wert, ist doch schon alles so gut wie fertig, liegt nicht in meiner Verantwortung“. Ich bin sprachlos. Jedesmal.

Und mache mich an die Arbeit. Zuerst die Spüle von den Töpfen befreien, die Kuchenform schrubben. Ich sehe jetzt schon, dass der Platz zum Abtropfen knapp wird. Nein, er wird schlichtweg nicht reichen, und Küchen sind grundsätzlich immer zu klein. Also gleich noch abtrocknen und wegräumen.

Eigentlich ist die Küche als Konfliktherd prädestiniert, denn dort scheiden sich viele Geister. Ich denke jetzt noch nicht mal an die globalen Fragen der Menschheit, also an „Wie ernähre ich mich?“, „Wo und was kaufe ich ein?“ usw. Nein, mir fallen spontan viel pragmatischere Ansätze ein, die mit unserer aktuellen Lebenssituation zusammenhängen, in der zwei Erwachsene mit vier bis fünf jungen Menschen unter einem Dach verweilen. Ich wollte ja noch nie in einer WG wohnen. Oder ein Hotel betreiben. Im Moment fühlt es sich jedenfalls an, also ob genau das eingetreten wäre.

Vielleicht liegt das Problem darin, dass nur ich alleine mir diese Fragen stelle, und sie den anderen erst gar nicht in den Sinn kommen? Es geht nicht nur darum, was man sich unter „aufgeräumt“ vorstellt, um die Frage, wie ich die Küche, nachdem ich sie genutzt habe, hinterlasse, für welche Tätigkeiten – wenn überhaupt – ich mich verantwortlich fühle, bringe ich mal den Müll raus, warum muss ich auch noch die Herdplatte sauber machen und die Gewürze wegräumen, wenn ich nachts koche, leere ich den Kühlschrank nur oder fülle ich ihn auch mal (und zwar nicht nur mit sperrigen Saucenflaschen), soll ich wirklich freiwillig die Spülmaschine ausräumen, die Steinarbeitsplatte muss doch nicht immer trockengewischt werden, was mache ich, wenn mir das Müsliglas in der Schublade halb auskippt oder der Kakao, muss ich das wirklich alles selbst wegmachen, soll ich erwähnen, dass ich Mamas Lieblingsbecher geschrottet habe, warum sollte ich wegen 2 Brötchen nicht den Backofen anmachen, ist doch egal, wenn die Schränke dauernd offen stehen, koche ich Kaffee nur für mich allein oder möchte jemand anders vielleicht auch einen…?

Ich frage mich dann natürlich gleich wieder, ob ich vielleicht intolerant oder zu pingelig bin. Eigentlich doch nicht. Das ist schließlich meine Küche und nur ein bißchen unsere, das ist den anderen vielleicht nicht so ganz klar, und jeder, der sich ihr nähert, um in ihr zu hantieren, sollte diesen Ort respektieren und wertschätzen. Ganz einfach.

Als letztes kommen schließlich die alten Gläser und die marokkanische Schüssel dran. Dafür neues Spülwasser einlassen, ein frisches Trockentuch herausnehmen. Eigentlich ist es ganz schön, so allein in der Küche zu sein. Alles ist ruhig und friedlich. Die Hunde schnarchen auch schon. Jetzt ist wirklich alles gemacht. Ich könnte mir noch einen Tee kochen, aber dafür bin ich dann doch zu müde.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Cordula sagt:

    Es spricht mir aus dem Herzen – es ist zum manchmal zum Verzweifeln. Es ist aber meiner Meinung nach eine Haltung. Leider habe ich auch noch keinen Mann getroffen, der ohne Aufforderung einfach auch Mal diesen einen zusätzlichen Schritt (abwaschen, Tisch abwischen etc ) gemacht hätte.

  2. Tini sagt:

    So wahr. *Seufz*

  3. Sylke Nordmann sagt:

    Liebe Anna, es tröstet mich ,dass du mein Schicksal teilst. Ich räume gefühlt 24/7 die Küche auf, wobei der Mann sogar noch geht. Habe mittlerweile eine Krümelphobie entwickelt Uff!

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