Fingerfood

Vor einiger Zeit hatte eine mir unbekannte Versicherungsgesellschaft offensichtlich sehr große Angst um mein leibliches Wohlergehen. Ich weiß nicht warum, aber es schien, als würde zeitnah ein größeres Unheil bevorstehen. Jedenfalls bekam ich per Mail über mehrere Monate zahlreiche ermutigende Vorschläge wie diese: „Ihre Familie hält täglich Überraschungen für Sie bereit. Seien Sie auch auf den Ernstfall vorbereitet.“ Oder: „Entscheiden Sie sich jetzt für eine Sterbegeldversicherung zur Absicherung Ihrer Liebsten. Lassen Sie Ihre Bestattungskosten nicht zu einer finanziellen Belastung Ihrer Angehörigen werden.“ Dass meine Familie mich immer wieder aufs Neue überrascht, kann ich bestätigen. Mir war aber nicht bewußt, dass demnächst schon mein letztes Stündchen geschlagen haben sollte. Eigentlich fühle ich mich nämlich noch ganz gut.

Vielleicht weiß diese Versicherung ja mehr als ich selbst, der Fall scheint aber dringlich zu sein, denn mir wird weder Wartezeit noch  Gesundheitsprüfung abverlangt. Vielleicht bin ich ja auch nur einem Algorithmus zum Opfer gefallen, der herausgefunden hatte, dass ich viel koche und dazu noch Spinat anpflanze. Da die meisten Haushalts-Unfälle laut Statistischem Bundesamt in der Küche passieren (32%) und danach gleich im Garten (24%), wäre ich geradezu prädestiniert, ja sozusagen die „Idealbesetzung“ (O-Ton mein Gatte) für den eintretenden Versicherungs- bzw. Sterbefall.

Nun, zum Äußersten muss es ja nicht gleich kommen. Aber ich gestehe, ich habe eine häufig genutzte Küchenschublade, die bis oben hin mit Pflastern bestückt ist: mit vorgeschnittenen und konfektionierten Streifen in allen Größen, griffbereit, je nach Bedarf in wasserfester oder auch elastischer Qualität, dazu extra Klebestreifen und neuerdings auch spezielle extralange Fingerpflaster. Allerdings ist es mir erst gestern wieder passiert, dass ich blutüberströmt versucht habe, eines dieser tollen Fingerpflaster aus der Verpackung zu fummeln und einhändig von seiner Schutzfolie zu lösen, um einmal mehr festzustellen, dass man vorher eher verblutet als einen vernünftigen Verband damit hinzubekommen. Vermutlich liegt die Versicherung ja doch nicht so verkehrt oder kooperiert sogar mit dem Hersteller.

Ich weiß ebenso wenig, ob es eine besonders gute Idee von den Kindern war, mir letzte Weihnachten einen Satz neuer Messer zu schenken. Endlich mal so richtig schön scharfe, mit denen man mit etwas Geschick auch ein Blatt Papier in der Luft zu Konfetti verarbeiten könnte. Jedenfalls war ich beim enthusiastischen Chilihacken so richtig in Fahrt, dabei wohl doch einen Moment in Gedanken, und zack – war die halbe Fingerkuppe ab. Ein sauberer Schnitt. Mir wurde kurz sehr anders.

Zimperlich bin ich nun wirklich nicht. Dazu habe ich gar keine Zeit. Wie viele Brandblasen habe ich mir beim Herausheben von Tarteformen und Ofenblechen schon zugezogen, bin mit dem Finger ins brodelnde Frittierfett gekommen, habe mir morgens noch schlaftrunken fast die Zähne an der Teetasse ausgeschlagen, den Dosenöffner in den Zeigefinger gerammt, gedankenverloren den glühenden Löffel aus dem Ofen oder den heißen Stil der Crêpepfanne angefasst.

Dennoch gebe ich zu, dass mir scharfe Messer schon immer ein besonderer Horror waren und sind. Die allzu sorglose Handhabung des rasiermesserscharfen Hobels und der lebensgefährlichen Microplane-Reiben hat bereits zu wüsten, schmerzhaften und blutigen Verletzungen geführt. Und jedesmal, wenn ich einen harten Kanten Brot oder einen Kürbis mit Hilfe des schweren Messers und viel Schmackes und Druck durchschneiden will, bin ich dankbar, wenn hinterher noch alle Finger dran sind und von der herunter sausenden Klinge verschont wurden.

Oder die Brotschneidemaschine, die ich mir auch nur auf penetrantes Drängen meiner Mutter hin zugelegt habe. Bei meinem Sohn hat sie bereits im zarten Alter eine Narbe hinterlassen (wobei sie wohlgemerkt noch nicht einmal lief!), und während mein Mann kürzlich damit herumhantierte, meinte er noch, es gäbe jetzt wohl gleich Fingerfood. Ich habe kurz entschlossen den Stecker gezogen.

Oder der Elektroquirl, bei dem ich, sobald ich ihn zur Hand nehme, seit bald 20 Jahren jedesmal die mahnenden Worte meiner Kinderärztin im Ohr habe, doch bitte mit den langen Haaren meiner Tochter vorsichtig zu sein, die sich leicht darin aufwickeln könnten. Was für ein Albtraum! Beim Blender wundere ich mich ehrlich gesagt, dass er auch ohne Deckel häckselt und man leicht Gefahr laufen kann, aus Versehen an den Startknopf zu kommen, während man zufällig die Fingerchen drin hat. Beim Pürierstab ist es ähnlich. Eine kleine Unaufmerksamkeit – und man ist verstümmelt. Also niemals ablecken, solange er noch nicht vom Strom getrennt ist. Sobald der schwere Schnellkochtopf seine heiße Dampffontäne speit, spielen sich vor meinem inneren Auge die übelsten Szenen von Explosionen in der Küche ab.

Mittlerweile erscheint es mir fast wie ein Wunder, dass ich noch so unversehrt bin. Und das, obwohl ich mir bisher weder die Präventionstipps der Versicherung, noch den Ratgeber zum Arbeitsschutz in der Küche jemals zu Gemüte geführt habe, obwohl ich mir weder Schutzhelm, noch eine andere Art persönliche Schutzausrüstung zugelegt habe, obwohl ich auch mal müde bin, wenn ich koche, denn der knurrende Magen (und die damit oft verbundene schlechte Laune) lässt sich eben nicht so leicht aufschieben.

Allerdings muss ich sagen, dass so ein Pflaster am Daumen auch einen immensen Vorteil haben kann, nämlich genau dann, wenn man Gnocchi machen möchte und dafür diese fürchterlich heißen Kartoffeln schälen muss. Da ist man mit so einem kleinen Verband echt richtig fein raus.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Rainer sagt:

    Tja Anna, to live is dangerous.
    Vielen Dank für den lustigen Beitrag. Du solltest eine Kolumne beim Feinschmecker haben.

    1. anna sagt:

      Lieber Rainer, vielen Dank für das Kompliment! Und hoffentlich bis bald.

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