Zu Besuch im: Burgund

Fleisch ist ihr Gemüse

Die Franzosen können ja einiges: Fußballweltmeister werden, guten Käse und Champagner produzieren, Baguette backen und – wenn man der Redensart „Leben wie Gott in Frankreich“ glauben schenken möchte – die französische Kochkultur genießen. Das „gastronomische Mahl der Franzosen“ wurde 2010 sogar von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Oh, là là! Glückwunsch!

Was die fleischlose Küche anbelangt, sind unsere Nachbarn jedoch unterentwickelter als Grönland, wo sie allerdings auch nicht anders könnten, selbst wenn sie wollten. Frankreich könnte durchaus, will aber nicht. Um das am eigenen Leib zu erfahren, muss man nur einmal mit seinen Kindern dort die Ferien verbringen, zum Beispiel auf einer Bootstour durchs schöne Burgund. Übrigens die beste Gelegenheit, um abzunehmen. Nicht, weil man so viele Schleusen auf- und zukurbeln muss, sondern weil man abends völlig erschöpft in einem Land-Restaurant sitzt, ungläubig das Menu studiert (vielleicht hat man doch eine Seite übersehen?) und trotzdem nichts zu essen bekommt.

Ach, vegetarisch? Gibt’s bei uns nicht. Die korpulente Wirtin, die mit gezücktem Stift dann nur sehr streng dreinblickt und indigniert fragt, als wolle man sie persönlich beleidigen: „Peut-être une salade, Madame? Un plateau de crudités?“ Neben Salat und schnöder Rohkost ist manchmal sogar noch ein Omelette im Angebot. Da kann man dann schon wirklich dankbar sein. Ah, merci! Schnecken, Hummer, Gänsestopfleber, Fisch, alle Arten von Fleisch jederzeit und im Überfluss. Nudeln? Noch nie gehört! Was nicht auf der Karte  steht, gibt es nicht. Ich hatte Frankreich gar nicht so borniert in Erinnerung. Das ist ja schlimmer als bei uns vor 35 Jahren, als Vegetarismus noch als Krankheit galt… Aber man lernt ja immer dazu.

Was sind wir nur für schreckliche Ignoranten! Die französische Küche war doch schon immer etwas ganz Besonderes. Wer sind wir, dass wir das in Frage stellen? Das geht doch so nicht! Schließlich hat sie die Küche der europäischen Adelshäuser im 17. und 18. Jahrhundert maßgeblich geprägt. Der französische Hof als kulturelle Führungskraft hat die klassische westliche Speisenfolge erfunden, also Suppe, Hauptgang und Dessert, locker steigerbar auf fünf, sieben, neun oder noch mehr Gänge. Eine Errungenschaft, die selbstredend auch nach der Revolution im bürgerlichen Milieu so beibehalten wurde.

Vegetarier haben da nun wirklich nichts zu suchen und befinden sich in einer verzweifelten Minderheit. Gerade mal 2 von 100 Menschen in Frankreich ernähren sich vegetarisch. Wie sollte das auch außerhalb einer Großstadt gehen? Bei uns sind es flächendeckend immerhin 9. Wenn man also in Frankreich als Vegetarier Urlaub machen möchte, muss man tunlichst nach Paris oder Lyon fahren oder in die Provence, dort hat die Küche zumindest schon mal Mittelmeereinschlag und Ratatouille und Kräuter sind den Menschen nicht völlig fremd. Oder man sucht notfalls im Internet nach einem der rund 190 vegetarischen Restaurants des Landes. So viele gibt es in Berlin wahrscheinlich allein im Bezirk Prenzlauer Berg.

Die Wahrheit ist aber auch, dass das traditionelle Essen mit Apéritif, Vorspeise, Hauptgang, Käse, Nachtisch und Kaffee immer seltener stattfindet. Das Leben ist selbst hier schneller geworden und man geht mal eben zum Imbiss oder holt sich ein Fertigessen aus der Tiefkühltruhe. Was bleibt, ist also das beliebte Fast Food, auch auf dem Land – eine glatte Abfuhr an die französische Küchenkultur. Wie gut, dass ihre Bedeutung wenigstens rechtzeitig von den Vereinten Nationen festgehalten wurde.

Doch es kommt noch schlimmer. Jetzt gibt es auch noch diese Veganer mit ihren Würstchen, in denen gar kein Fleisch drin ist – einfach unglaublich. Und die sollen sich  auch noch Tofu-Würstchen, Seitan-Burger oder sonstwie-Steak nennen dürfen? Wie soll sich da der Verbraucher noch auskennen? Der wird doch total verwirrt. Zum Glück hat Präsident Macron so alerte Abgeordnete wie Monsieur Jean Baptiste Moreau um sich, der diesem Trend per Gesetzesänderung kürzlich einen Riegel vorgeschoben hat. Na gut, er vertritt als Rinderzüchter und Vorsitzender einer Landwirtschaftskooperative die Interessen der armen Fleisch-Industrie.

Aber was will er damit verhindern? Dass in Frankreich immer mehr vor allem junge Menschen verantwortliches Essverhalten wichtig finden? Sollen die Bocuses dieser Welt doch endlich mal zeigen, was sie wirklich draufhaben und etwas mehr grüne Küche erfinden. Das wäre wenigstens zeitgemäß.

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