Ich bin eine Tomate, holt mich hier raus!

Eigentlich wollte ich nur etwas über das Ausgeizen von Tomaten nachlesen. Dabei knipst man bei manchen Sorten die Seitentriebe ab, damit die Tomaten größer werden. Dummerweise habe ich aus Faulheit das Internet für meine Recherche anstelle eines Fachbuches benutzt und mich letztendlich nur aufgeregt, anstatt mich um meine Tomaten zu kümmern.


Man sollte es sich am besten abgewöhnen, in irgendwelchen Garten- und anderen Foren nach brauchbaren Auskünften zu recherchieren. Reine Zeitverschwendung. Trotzdem tappe auch ich ab und zu in diese Falle, wie kürzlich, als ich  wissen wollte, welche Sorte Tomaten man von ihren Austrieben befreien muss. Dass es da Unterschiede gibt, hatte ich noch im Hinterkopf.

Bevor man zu irgendwelchen inhaltlichen Dingen vordringen kann, muss man erst eine fette Kröte schlucken und hinnehmen, dass es sich hier um einem Raum handelt, in dem Regeln für Rechtschreibung und der sorgfältige Umgang mit Sprache einfach ausser Kraft gesetzt werden. Ich spreche nicht von Tippfehlern. Großschreibung, Kleinschreibung, alles egal, vielleicht auch einfach zu mühsam. Erzielen mit h, das Komma an der falschen Stelle (wenn überhaupt), es wird geschrieben wie gesprochen, auch oft a bissl Dialegd dazwische, net? Als spreche man am Telefon mit der Freundin oder seinem Nachbarn. Nur, dass dieser Senf schriftlich in die große weite Welt abgelassen wird.

Das macht auch weiter nichts, denn Bluemelein und ralfi123 unterhalten sich anonym. Man kennt sich vielleicht schon aus dem ein oder anderen thread, wünscht sich gutes Gelingen und viel Erfolg, es entsteht eine Nähe, die doch keine ist, freut sich über die „so hübschen kleinen Babys“ (Tomaten), und hört sich geduldig molchis Klagen an („meinen Tommis geht es so schlecht…“), um ihm oder ihr mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Sehr hilfreich sind da auch die Motti, die ein ums andere Mal unter den Beiträgen zu finden sind, wie: „nur Tomaten bringen das Seelenheil“. Es gibt die Experten und die Hallo-ich-bin-neu-hier-und-habe-da-mal-eine-Frage. Und alle lassen sich seitenlang über gärtnerische Banalitäten und private Befindlichkeiten aus, die nichts auf den Punkt bringen.

Wo bin ich hier gelandet? In einem Darkroom für Gartenschürzenträger, wo jeder schreibt wie und was er will, wo der Bequemlichkeit, Nachlässigkeit oder einfach nur Unwissenheit die Zügel hingegeben werden? Bloss weg hier.

Ich hätte auch vorn vornherein auf meine grüne Intuition hören können. Tomaten anzubauen ist keine Wissenschaft. Oder hätte ich gleich zu meinem altgedienten „Ulmer Gartenbuch“ gegriffen, hätte ich meine Zeit nicht so verplempert und kurz und bündig erfahren können, dass man zwischen Stab- und Buschtomaten unterscheidet. Nur Stabtomaten – Fleischtomaten gehören zu ihnen – müssen ausgegeizt werden, damit die Früchte schön groß werden und die Pflanze nicht ihre ganze Kraft in die Bildung neuer Triebe steckt. Weniger Triebe bedeuten einfach größere Früchte und stabilere Pflanzen. Bei den kleinfrüchtigeren Buschtomaten – zum Beispiel Cocktailtomaten – sind Geiztriebe dagegen geradezu erwünscht, um möglichst viele Rispen ernten zu können. Diese Differenzierung kann im Internetforum irgendwie keiner formulieren und auf den Punkt bringen.

Und ich habe durch das Buch noch mehr verstanden. Tomaten neigen von Natur aus dazu, buschartig zu wachsen. Dabei bremsen sich die Buschtomaten in ihrer Länge, die Stabtomaten nicht. Sie wachsen sozusagen unbegrenzt,  indem sie an der Hauptachse einen Blütenstand bilden und über einen Seitentrieb aus der obersten Achselknospe neue Glieder entwickeln, die wiederum eine Blütenstand und einen Seitenabzweig austreiben und so weiter. In der Natur würden diese am Boden entlang geführt werden. Wir bringen sie in die Vertikale. Im Klartext und als Grundregel: wenn es zu viel wird, spätestens wenn die Pflanze zu brechen droht, ist das Messer angesagt, wenn das Ausbrechen mit den Fingern nicht mehr geht.

Also hinein ins Dschungelcamp, denn meine Tomaten wachsen mir gerade munter über den Kopf. Von Längenbremse dort noch keine Spur. Eher Partystimmung über den satten Boden, den ich ihnen beschert habe.

Das führt zu einem anderen gefürchteten Problem: dem der Braunfäule. Entwickeln sich zu viele Blätter  und die Luft dazwischen kann nicht richtig zirkulieren, können sich Pilze entwickeln, die Blätter, Blütenstände und später auch die Früchte faulen lassen. Tomaten müssen also trocknen können und sollten deshalb auch nur um den Fuß herum, am besten morgens, gegossen werden, nicht über das Blattwerk. Also Regel Nummer zwei: wenn nötig auch ein paar Blätter entfernen. Regel Nummer drei: im September den Haupttrieb kappen, damit die Früchte noch rechtzeitig vor Saisonende reifen können. Regel Nummer vier: maßvolles Düngen nicht vergessen.

Das Thema Ausgeizen ist mir ausserdem auch bei Auberginen und Gurken begegnet. Die Eierfrucht sollte möglichst nur vier Fruchttriebe bilden (ausser man will kleinere Früchte) und Freilandgurken werden umso ertragreicher, je mehr man am Anfang ihre Blüten im unteren Bereich, auch wenn es schwerfällt, abknipst. Später kann auch der Haupttrieb gekappt werden, um das Wachstum von Seitentrieben zu fördern.

Und noch eins: Reiterforen sind noch schlimmer. Da geht es auch emotional zur Sache. Die Vierbeiner tun mir bei so viel dokumentiertem Un- und Halbwissen manchmal richtig leid. Ganz schrecklich.

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