Küchen-Konfusion

Kulinarische Traditionen hin oder her, der beste Beweis für eine interkulturelle europäische Fusion sind doch die Würstchen auf der Pizza. Die gehören da nämlich eigentlich gar nicht hin, sondern schön in Senf getunkt. Aber irgendwer hat das ja zu irgendeinem Zeitpunkt in die Welt gesetzt. Aus welchen Gründen sei dahingestellt. Ob ursprünglich ein bayerischer Tourist in Neapel nicht auf seine Würschtl verzichten wollte, oder ein Pizzabäcker dachte, er kommt dem deutschen Geschmack entgegen – das weiß man nicht. Jedenfalls gehört die „Pizza con Wurstl“ in Italien mittlerweile zu festen Repertoire einer Pizzeria. Ein typischer Fall deutsch-italienischer Küchen-Fusion.

Oder die „Pizza Bismarck“ mit Spiegelei und Speck, die sogar von Einheimischen goutiert wird (ich hab’s vor einiger Zeit mit großem Erstaunen am Nebentisch zur Kenntnis genommen) und deshalb nicht mehr nur allein als Zugeständnis ans fremde Publikum betrachtet werden kann. Das färbt halt ab. Oder man hat es schon hundert Mal auf der Speisekarte gelesen und bestellt eben beim einhundertersten das Undenkbare.

Mein Sohn würde das zum Beispiel nicht machen. Er bestellt immer nur die „Pizza Margherita“. Seit Jahren, ganz stereotyp. Ist ja auch nicht die schlechteste Wahl, aber von Experimentierfreude keine Spur. Im Gegensatz zu mir. Ich esse am liebsten jedes Mal etwas anderes. Er findet zur Zeit sowieso alles doof und würde am liebsten gar nicht aus dem Haus gehen, wenn ihn äußere Zwänge nicht dazu veranlassen würden. Auch Italien (bis auf Margherita und Stracciatella-Eis) findet er blöd. Angeblich, weil die Italiener so laut sind, speziell die unerzogenen Kinder am Strand, die unentwegt kreischen und schreien.

Na gut, die Italiener sind ein etwas lebhafteres Volk als wir Deutschen, daran besteht wohl kein Zweifel. Der Italiener bevorzugt auch ganz andere Speiselokale als der  ausländische Tourist, der am liebsten immer direkt am Strand oder mit Blick auf den Dom oder eine andere schöne Kulisse dinieren möchte. Nein, dem Italiener macht es nichts aus an einer gut befahrenen Strasse und unter Neonlicht zu sitzen (wobei letzteres noch weitaus besser ist als jedes Grottenambiente mit Rauputz und Aquarienatmosphäre).

In einem solchen Etablissement waren auch wir. Weil das Ding dazu noch Fantapizza heißt, fiel es bei uns immer durchs Raster – ausser bei den männlichen Familienmitgliedern. Es war immer brechend voll, total eng wegen der vielen Tische, und ab acht drängte sich eine kilometerlange Schlange vor dem Pizzaofen, die nicht kürzer werden wollte, auch wenn ein Stapel XXL-Kartons nach dem anderen weggetragen wurde.

Wir hatten also einen Tisch reserviert. Als gute Deutsche schon pünktlich um halb Acht, Wenn es nach meinem Mann gegangen wäre auch schon um sechs, aber da stehen noch die Stühle auf den Tischen, die Putzfrau wischt nochmal durch und der Ofen wird erst angeheizt.

Das Lokal füllte sich dann rasch und damit stieg auch der Lärmpegel, während wir noch die Karte konsultierten. Aus der schieren Notwendigkeit passt man sich dem an und beginnt ebenfalls zu schreien. Ich dringe über den Tisch kaum zum Ohr der Bedienung durch, ich wollte nämlich die weiße Pizza mit Kartoffelscheiben und Rucola („pizza bianca con patate lesse e rucola“) bestellen. Habe ich auch. Aber was kam? Keine „patate“, sondern „patatine“, eine Pizza mit Pommes, dafür aber noch Rucola obendrauf. Meine Kinder haben mich angesehen, als sei ich irre geworden (sie kennen mich halt). Pommes auf Pizza wäre das letzte, was ich mir bestellt hätte. Das hat man nun davon! Ein typischer Fall deutsch-italienische Küchen-Konfusion. Weil die Pommes superfrisch waren, war sie trotzdem gut. Ich geb’s ja zu.

print

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.