Lust-Essen

Wie wäre es mal wieder mit einer heißen, duftenden Holzofenpizza mit knusprigem Rand und dünnem Boden, der da und dort eine große Blase wirft, belegt mit würziger Tomatensauce aus San-Marzano-Tomaten und mildem Mozzarella, der beim Schneiden lange Fäden zieht?

Hilfe, Pizza macht ja dick! Und überhaupt, was ist nur aus ihr geworden?

Den Appetit auf Pizza kann man sich nämlich ganz leicht abgewöhnen. Man muss dazu nur eine Bild der Frau, Brigitte, Eat healthy oder Fit for fun aufschlagen, und schon lächeln sie einem ganz harmlos entgegen, die so wahnsinnig gesunden Low-Carb-Pizzen, die uns vor den teuflischen Kohlenhydraten bewahren sollen und deren Basis aus geriebenem Blumenkohl, Leinsamen, Thunfisch, Kichererbsenmehl, geraspelter Zucchini, Hüttenkäse oder anderen abartigen Bodenersatzstoffen zubereitet werden.

Mit der Pizza oder vielmehr dem, was von der traditionellen Pizza übrig geblieben ist, geht es unverkennbar bergab. Margarethe von Italien, Gemahlin von Umberto I, würde sich im königlichen Grab umdrehen, wüsste sie von den Geschmacksverirrungen im Zeitalter der Selbstoptimierer. Schon sie wollte Ende des 19. Jahrhunderts nicht auf die glücklich machenden Kohlenhydrate verzichten. In Neapel ließ sie sich die Teigfladen mit den unterschiedlichsten Belägen von den Pizzabäckern in den Palast bringen, wie die Washington Post 1880 in einem Zeitungsartikel enthüllte. Und zu Margarethes Ehren schließlich wurde die Pizza in den Nationalfarben rot, grün, weiß, also mit Tomaten, Basilikum und Mozzarella nach ihr benannt.

Hätten sich die alten Griechen jemals träumen lassen, dass das ursprünglich von ihnen stammende Fast Food (damals natürlich ohne Tomaten und nur als flaches Brot) 1000 Jahre später mit den süditalienischen Auswanderern die amerikanische Küche erobern sollte? Diese importierten ihre Rezepte in die Vereinigten Staaten, wo die Pizza allerdings einigen Transformationen unterlag, vor allem in Richtung – wie könnte es anders sein – XXXL. Die Pizza Chicago Style ist das leuchtendste Beispiel. Der Rand 5 Zentimeter hoch, geformt wie eine Schüssel und bis oben hin gefüllt mit Tomaten, Käse und Wurst. Für eine einzelne Person versteht sich (hier wäre die Low-Carb-Idee wirklich angebracht gewesen).

Die Amerikaner schenkten uns ihrerseits die Pizza als Tiefkühlkost zurück. Bis heute unser liebstes Fertiggericht. Selbst wenn sie geschmacklich und durch ihre Labor-Zutaten mit dem frisch zubereiteten Original aus dem Holzbackofen nichts mehr zu tun hat. Ein paar Kerzen aufgestellt – und schon wähnt man sich angeblich beim Italiener um die Ecke.

Während im Dezember 2017 die neapolitanische Kunst des Pizzabackens endlich in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde, waren zwei Frankfurter Banker schon weiter. Die Startup-Gründer erfanden Low-Carb-Pizzaböden aus Chiasamen und Kokosflocken und nannten sie …Lizza. Das ist wenigstens konsequent und unverwechselbar, denn für keinen echten Pizzaboden wäre es ein Kompliment als „sehr fest, kompakt und vor allem sättigend“ charakterisiert werden.

Hauptsache, die Jungs bleiben mit ihren glutenfreien Diät-Böden in deutschen Supermärkten und infiltrieren nicht die italienische Küchenkultur. Denkbar ist alles. Denn schließlich waren auch die Pizzerien zuerst in Deutschland populär. Sie kamen mit den neapolitanischen, kalabresischen und kampanischen Gastarbeitern in den 50er Jahren in den Norden Europas. Erst von dort aus traten sie vor vielleicht 40 Jahren ihren Eroberungsfeldzug in die norditalienischen Provinzen an. Gepusht von zurückkehrenden Exilitalienern und nicht zuletzt von den Touristen, die neben Pasta auch Pizza verzehren wollten. Die kannten sie ja schließlich vom Italiener zuhause.

Schlimm wäre also, wenn die Italienerin plötzlich auf den Low-Carb-Trip käme. Pizza zu essen hat etwas mit Lust und Genuss zu tun und nicht mit Vernunft. Daran soll sich bitte auch nichts ändern.

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