Spaziergang mit Ente oder: Die letzten Nachsaaten

Zeit ist ein wichtiger Faktor im Garten, besonders  im Gemüsegarten. Eigentlich hat man als Gärtner immer viel zu wenig Zeit, zumal man neben der Kultivierung von Pflanzen in der Regel noch anderen Aufgaben nachgeht, die im Zweifel existentieller sind.

Der Garten beansprucht also Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit für die Planung, die Aussaat, die Aufzucht und Pflege und das ganze Drumherum. Nun sät man selbstverständlich nicht alle Pflanzen zur gleichen Zeit aus. Es bedarf somit einer gewissen Sortiertheit, um den Überblick zu behalten.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich genau zu diesem, droht mir mein Überblick gerne ein wenig zu entgleiten. Nachts wache ich panisch auf. Was ist passiert?

Ich habe ein Gartenbuch angelegt und selbstredend unter Berücksichtigung der Fruchtfolge die Pflanzen im Garten verteilt. Ich habe mein Saatgut nach dem Monat der Aussaat sortiert, um den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Ich habe viele Pflänzchen sprießen sehen, die Tomaten ins Gewächshauch gesetzt, die Roten und Gelben Beten in die Erde zu Füßen meines Hochbeetes. Mein italienischer Pflücksalat lässt sich nicht blicken, aber nun gut, vielleicht sind die Samen nach drei Jahren einfach nicht mehr brauchbar. Ich säe einfach noch eine Runde nach. Vielleicht habe ich zu wenig (ehrlich gesagt, eigentlich gar nicht) gegossen. Dafür hat sich der Rucola von ganz allein verbreitet und überall wachsen kleine, leckere Büschel. Ein paar kleine Schnecken im Kopfsalat. Die nehme ich hin, der Kopfsalat ist bald geerntet. Fast habe ich schon aufgeatmet und mir auf die Schulter geklopft.

Und dann: Meine frei lebenden Laufenten quaken mich wie immer früh morgens unter meinem Fenster aus dem Schlaf. Ich stehe auf, ziehe mir etwas über, laufe in Flipflops die feuchte Wiese runter, begleitet von Enten und Hunden. Ein wunderbarer Moment.

Ich beginne meine morgendliche Runde durch den Garten. Schaue nach dem Befinden meiner Pflanzen. Ein paar abgeknickte Keimblätter an den Roten Beten. Kommt mir komisch vor. Am nächsten Morgen das gleich Ritual. Und nun ist es eindeutig: es fehlen weitere Rote-Bete-Sämlinge, drei Tage später sind sie alle weg. Nur die Gelben Beten haben überlebt. Noch.

Das heißt also: nachsäen. Aber geht das überhaupt noch? Und wie sieht es mit dem Rosenkohl aus, wo ist der plötzlich hinverschwunden? Der Blumenkohl – einfach weg. Nur mein Schildchen zeigt mir, dass ich die Sämlinge eingepflanzt hatte. Und das ist mein Glück, denn sonst würde ich an meinem Verstand zweifeln. Auch mein Palmkohl auf dem Hügelbeet: weg. Der Mangold: weg. Jeden Tag verschwinden mehr Pflänzchen. Lediglich der Brokkoli bleibt (bis auf ein paar Löcher in den Blättern) unberührt.

Ein damit eng verknüpftes Problem ist, dass ich das ein oder andere Mal schon Schwund bemerkt und nachgesät habe. Oder mich zu ungeplantem Gemüse habe hinreissen lassen. Diese Sämlinge habe ich dann irgendwohin gesetzt, wo gerade Platz war. Und so wird langsam alles unübersichtlich und planlos und die Zeit läuft mir davon.

Wer wird da nicht panisch? Vor meinem inneren Auge sehe ich leere Beete. Aber so leicht lässt sich ein richtiger Gärtner nicht ins Bockshorn jagen.

kalender aussaaten freiland
Kalender für die Aussaaten im Freiland (kann ausgedruckt werden, dazu Bild ganz vergrößern)

Den Pflanzen steht nur ein bestimmtes Zeitfenster für ihre Entwicklung offen, ihr Wachstum ist gebunden an das zur Verfügung stehende Tageslicht und die Wärme. Und jetzt driftet gerade alles auf seinen Höhepunkt zu.

Ich mache also eine Bestandsaufnahme. Meine erste  Tat: eine Liste, die mir einen Überblick über die Aussaatfenster verschafft. Und siehe da: es ist noch nicht alles verloren!

Ich säe nach: Rote Bete, Gelbe Bete, Cicoria, Fenchel, Rosenkohl, Blumenkohl, Kopfsalat, Busch- und Stangenbohnen, Zuckererbsen, Kohrabi, noch mehr Mangold.

So leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Nächste Maßnahme: Ich werde versuchen, den Sämlingen in Töpfen etwas mehr Zeit für ihre Entwicklung zu geben. Als Jungpflanzen können sie den Widrigkeiten der Natur vielleicht besser entgegentreten und sind für Ameisen, Schnecken und Mäuse mit etwas Glück weniger attraktiv.

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