Panikpilze

Ich gehöre ehrlich gesagt nicht zu der Spezies Mensch, die mit dem Flechtkorb in der Hand morgens bei Sonnenaufgang hellwach, doch mit gesenktem Blick durchs Unterholz stapft und bei der Suche nach Pfifferlingen, Maronen oder Schirmpilzen die Rehe verrückt macht. Natürlich nicht aus Rücksicht auf Rehe oder Hasen oder Wildschweine, die können mir wirklich gestohlen bleiben, da sie ihre Schnuten einfach nicht von meinem Gemüse und den Blumen lassen können.

Nein, Pilze aus der freien Wildbahn bereiten mir tiefes Unbehagen, weil meine unerklärliche Angst vor möglichen üblen Folgen oder gar versehentlicher Auslöschung meiner Familie immer größer wird, je häufiger ich von Vergiftungs-Horrorstories, von Organversagen, Nierenentnahmen, Krampfanfällen und Schlimmerem höre.

Mein Lieblingspilz ist sowieso der Trüffel und den findet man ja bekanntlich nicht so leicht, obwohl ich gelesen habe, dass in Deutschland Trüffel unentdeckt in der Erde schlummern und man seinen Hund zum Trüffelhund ausbilden kann. Wäre eine echte Alternative – habt ihre gehört, Hunde?

Leichter ist es, Pilze im Supermarkt im Einkaufskorb einzusammeln oder sich Pilzzuchtsets anzuschaffen. Letzteres haben wir auch schon mehr oder weniger erfolgreich versucht. Die Champignons im Karton waren kinderleicht zu ziehen, bilderbuchmäßig anzusehen und hervorragend im Geschmack, die teuren Austernpilze dagegen, für die frisch abgesägte Baumstämme mit Bohrlöchern versehen und mit Sporen geimpft werden mussten, waren der totale Flop. Entwickelt hat sich lediglich ein schnöder, glibschiger Baumpilz, der sich auch nach Wochen nicht in einen Austernseitling verwandeln wollte (selbst der Froschkönig hatte da mit seiner komplizierteren Metamorphose mehr Erfolg). Und auch auf den Strohballen ließ sich keiner der gewünschten Hüte blicken.

Da fragt man sich ja manchmal, ob all die Youtube-Videos, die man extra stundenlang studiert und bei denen das alles supereinfach rüberkommt, dann vielleicht nicht doch gekauft sind? Jedenfalls war bei uns alles umsonst.

Und dann kam mein Mann, der Rosmarin nicht von Thymian unterscheiden kann, kürzlich aus dem Garten und es hallte „Ich habe hier jede Menge Steinpilze!“ durchs Haus. „Jaja“, dachte ich, „lass ihn mal machen“, lobte ihn aber vom Schreibtisch aus immerhin mit einem „Super!“ wegen der positiven Rückmeldung, das macht man bei Kindern, die eine Drei in Latein mit nach Hause bringen, ja auch.

Tatsächlich habe ich vor zwei Jahren einen einsamen, dicken Steinpilz unter einer unserer Eichen am Teich entdeckt. Wenigstens die erkenne ich noch einigermaßen. Wenn ich mich recht entsinne, war er aber stark proteinangereichert, sprich: voll vermadet, und damit nichts für uns.

Natürlich war das nicht der erste Pilz, den wir eingesammelt haben. Manchmal drängen sie sich einem ja geradezu auf. Die Krause Glucke unter der Douglasie im Wald erscheint alle paar Jahre, die ist nicht zu übersehen und schlecht zu verwechseln. Kürzlich habe ich champignonartige auf der Pferdeweide gefunden, die rochen zwar gut, sahen dann von unten doch irgendwie anders aus als die aus dem Zuchtkarton oder jene gekauften und auch nicht alle gleich. Ich habe ein Stückchen probiert, das mache ich immer, dann kurz abgewartet (was zeitlich nicht ausreicht, weil viele Symptome sich erst nach Tagen bemerkbar machen) und obwohl ich nicht gleich tot umfiel (auch später nicht), habe ich sie dann doch lieber liegen lassen.

Früher war das alles einfacher. Als Kind habe ich gelernt, zwischen Pilzen mit Schwamm und Pilzen mit Lamellen zu unterschieden. Easy. Die einen waren die Guten, bei den anderen musste man schon ein bißchen mehr aufpassen, und die mit dem roten Hut und den weißen Punkten kannte man ja sowieso aus den Märchenbüchern. Heute soll man mindestens fünf markante Merkmale zur eindeutigen Bestimmung heranziehen. Nein, das ist nichts für mich. Da bleibe ich lieber bei meinen Tomaten.

Aber zurück zu den Steinpilzen. Die Exemplare meine Mannes sahen tatsächlich überzeugend aus und soweit ich weiß, hat die Sorte auch keine dieser giftigen Doppelgänger. Ich habe mich dann zur Verfügung gestellt und ein Stück probiert, auf Magenkrämpfe gewartet, aber die blieben erstmal aus. Natürlich kam dann gleich der Vorschlag, daraus ein schönes Pilzragout mit Nudeln zu machen. Allein die Vorstellung bereitete mir Panik.

Zum Glück hatte ich schon einen anderen Kochplan für den Tag. Am liebsten ist es mir sowieso, solche Pilze erstmal in dünne Scheiben zu schneiden, trocknen zu lassen und später in eher homöopathischen Dosen zu verabreichen. Getrocknet sind sie ausserdem den „funghi porcini“ aus dem italienischen Supermarkt wieder sehr ähnlich und weniger furchteinflößend. Als würde das etwas ändern.

Vorgestern habe ich dann nochmal einen einzelnen Oschi mit großem braunen Schirm aus dem Moos gedreht. Sollte ich ihn denn stehen lassen? Steinpilze (falls es denn einer war) aus dem Garten sind allemal besser als die aus Italien, die mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso aus Russland kommen oder – noch schlimmer – China. Das Basilikum wird ja auch schon aus Israel importiert und dann als Genueser Pesto verkauft. Kein Wurm, guter Geruch, der Stängel vielleicht ein bißchen zu gerade für einen Steinpilz, kann aber auch am Alter liegen, ansonsten keine verdächtigen Anzeichen. Also wurde er in Scheiben geschnitten und trocknet nun vor sich hin.

Derweil mache ich meine Kürbis-Tagliatelle, zu denen eine Steinpilzsauce natürlich hervorragend passen würde. Aber ich traue mich an die eigenen nicht ran. Vielleicht müssen ein paar gekaufte ja noch vorher verarbeitet werden. Tatsächlich finde ich in der Schublade ein Tütchen „funghi porcini“, noch nicht mal abgelaufen. Schmecken auch wie erwartet: gut nach Steinpilz. Alle sind begeistert.

Aber jetzt sind sie alle. Dafür stehen vier Gläser aus eigener „Ernte“ bereit. Eigentlich bin ich nach solchen Pilzgerichten immer nur dankbar, sie ohne weitere Schäden überstanden zu haben. Vielleicht war das mit den Trüffelhunden doch kein so blöder Gedanke? Dann könnte man mal ins Piemont zum Pilzewandern fahren und einen dieser weißen Goldklumpen finden.

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