Trüffelschweine

on

Kürzlich stand ich vor dem Schrank in der Küche und zweifelte das erste Mal ernsthaft an meinem Verstand. Besser gesagt an meinem Gedächtnis. Die ersten Anzeichen von Alzheimer? Ich war mir totsicher, die Schokoladentafeln hinter dem Roggenvollkornmehl deponiert zu haben. Einen ganzen Stapel. Und jetzt? Weg. Hatte ich sie vielleicht doch in die leere Zwiebackdose gelegt? Oder unter die Schüsseln geschoben? Aber daran müsste ich mich doch erinnern. Schokolade löst sich nicht plötzlich in nichts auf. Und ich brauchte sie doch für den Geburtstagskuchen am nächsten Tag, war also echt aufgeschmissen.

Es konnte gar nicht anders sein, jemand musste das Versteck ausfindig gemacht haben. Meine Kinder haben für so etwas einen siebten Sinn, sie sind dann wie Trüffelschweine hinter Süßigkeiten her. Wir kennen uns einfach zu gut, denn auch sie sehen manchmal die Notwendigkeit, etwas zu verstecken. Zum Beispiel die Tüte Kartoffel-Chips, die, wenn schonmal im Haus, was nicht allzu häufig vorkommt, vor den Klauen zügelloser Personen in Sicherheit gebracht werden muss.

Was ich bräuchte wäre eine anständige Wo-habe-ich-die-Schokolade-hingetan-App, irgendetwas mit Gedächtnisstützfunktion und vielleicht mit neuen Anregungen, damit die Tafeln nicht immer in den gleichen Verstecken rotieren. Endlich mal etwas Nützliches und keine jener Apps, die uns helfen, unseren Orientierungssinn gänzlich zu verlieren, keine dieser Einkaufslisten-Apps, die von sämtlichen Familienmitgliedern mit all ihren Wünschen zugetextet werden können und Hausfrau oder Hausmann komplett zum Lastenkamel versklaven, keine jener überflüssigen Trinke-ich-auch-genug-Wasser-Apps, oder Apps für Menschen, die Tipps für die Resteküche brauchen oder Rezeptideen, die dann gleich mit dem Lieferservice von Amazon, Edeka oder Lidl verlinkt sind.

Auch unter dem Stichwort Lebenshilfe oder Vergesslichkeit habe ich im Google Playstore nichts Brauchbares gefunden. Ich will auch nicht Sudoku spielen. Gestossen bin ich lediglich auf unzählige Apps, die helfen, Fotos und Videos zu verstecken (da scheint es allerdings eine größere Nachfrage zu geben). Ich könnte natürlich Bilder von den aktuellen Verstecken machen und die dann per Software verschwinden lassen. Das erscheint mir aber auch nicht besonders praktikabel. Die Schätze im Erdreich zu verbuddeln, wie es etwa unsere Hunde mit ihren alten Knochen machen oder die Eichhörnchen mit den Nüssen, fällt ebenso aus.

Jedenfalls sind momentan die Schoko-Eier und Schoko-Osterhasen akut bedroht und hochgradig vor unerlaubtem Zugriff gefährdet. Gleiches gilt im Dezember für die Schoko-Kugeln und Weihnachtsmänner. Ich verrate jetzt nicht, wo ich die (also die Eier) deponiert habe, denn es kann ja durchaus sein, dass eines der Familienmitglieder heimlich oder zufällig mitliest. Solange ich die nicht vergesse, mache ich mir noch keine Sorgen um meinen Geisteszustand, erst, wenn zu Weihnachten zufällig die Osterhasen wieder auftauchen und an Ostern die Weihnachtsmänner auf dem Tisch stehen. Dann hilft aber auch keine App mehr.

print

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.