Wolf am Tisch

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Wenn die lieben Angehörigen in der Küche die Zähne fletschen, stimmt etwas nicht. Oder? Futterneid ist ein ernstes Problem, wird aber vor allem bei unserem Lieblingshaustier, dem Hund, der ja dann gerne zubeisst, ausgiebig untersucht und diskutiert. Bei Forschern läuft dieses urinstinktive Verhalten unter dem Begriff Ressourcenverteidigung. Sie dient der Existenzsicherung. Es gibt jede Menge Ratgeber, Abhandlungen, Foren, Seminare und Trainingspläne, die Schritt für Schritt aus dem Wolf ein Lamm machen wollen.

Aber bei uns Menschen? Wir leben weder in Zeiten der Ressourcenverknappung, noch gibt es sonst irgendwelche rationalen Gründe, die Futterneid erklären würden. So wie kürzlich bei uns. Gebissen wurde zwar niemand und der Notarzt musst nicht gerufen werden, aber es flogen die Fetzen in Form verbaler Beschimpfungen und Anschuldigungen.

Anlass waren nicht Karamelleis oder Mousse au chocolat, davon gibt es ja auch nie genug. Nein, Anlass war – Überraschung! – ein vegetarisches Tandoori, an dem ich mich ausprobierte. Einer der Beteiligten hatte sich etwas davon für später „reserviert“ (das kommt bei uns öfter vor, meistens mit Zettel, Totenkopf und Unterschrift). Leider war es dann doch weg – und der Krach riesig.

Bei einem Hund würde man nun versuchen, diesem Verhalten damit entgegen zu wirken, indem man ihm beispielsweise ausgiebig zu fressen gibt, so dass er keinen Grund mehr hat, seine Ressource in Sicherheit zu bringen. Denn dann hat er ja reichlich. Beim Menschen geht das aber nicht. Bei ihm würde sich eher Überdruss einstellen.

Und das ist wohl das letzte, was man als Köchin oder Koch erreichen will.

Nein, im Gegenteil, ein Koch kann sich  – vielleicht ganz heimlich in der Vorratskammer – freuen, wenn andere sich um sein Essen reißen. Das befriedigt ihn emotional, belohnt in gewisser Weise all seine Bemühungen, die allzu oft ignoriert oder als selbstverständlich hingenommen werden (wie so vieles andere auch).

Im Grunde ist der Koch doch der einzige, der anderen das Essen wirklich gönnt, weil er damit Wohlgefühl erzeugen will und das Verlangen nach mehr – und damit vielleicht ein bisschen den Wolf weckt.

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