Wunderbar: „Die Tage des Gärtners“ von Jakob Augstein

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„Nur schön sein“

Über Plastikpimmel, Angstträume und Zäune – Jakob Augsteins „Die Tage des Gärtners“ ist ein geistreiches und unterhaltsames Buch über die Erkenntnisse und Erlebnisse eines Gartenbesitzers


Ich saß gerade in der S-Bahn nach Hamburg, „Die Tage des Gärtners“ auf den Knien und musste schallend lachend. Das passiert mir selten. Nicht, weil ich humorlos bin, sondern weil es zu wenig Literatur gibt, die mich zum Lachen veranlasst. Ich war beim Kapitel über den grinsenden Sandsteinlöwen angelangt, den sich der Autor für seinen Garten gekauft hatte. Wunderbar.

Wunderbar deshalb, weil er so ganz beiläufig aber treffend diese fürchterlichen Gipsstatuen und Gartendekorationsfiguren beschreibt, die man in Gärten leider häufig antrifft und deren Anschaffung „ein erster Schritt (…) auf einem rutschigen Pfad, der abwärts führt“ ist. Man wohnt nicht in Versaille, es soll aber aussehen wie dort. Wie recht er hat.

Überhaupt ist er in seinem Buch öfter mal bissig, auch selbstironisch, das gehört zu seinem Ton. Wunderbar auch der Teil über Männer, die mit langem Plastikpimmel in der Hand Laubwolken vor sich herpusten, dabei einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen und zur Strafe Myriaden unheilbringender Pilzsporen einatmen – als kleine Genugtuung für den geplagten Nachbarn, versteht sich.

Jakob Augstein lässt sich von den Jahreszeiten leiten, wenn er uns durch seinen Garten führt. Einen Garten zu haben bedeutet, die Natur zu kontrollieren, Ordnung zu schaffen, sie zu beschönigen, sozusagen eine künstliche Schönheit zu entwerfen. Das ist die alleinige Bedingung, die ein Garten erfüllen muss, er darf auf keinen Fall einen Nutzen haben. Deshalb werden konsequenterweise noch nicht einmal Salbei, Rosmarin und Lavendel angebaut. Ein Nutzgarten ist für den Autor gleichbedeutend mit DDR und Kleingartenkolonie. Und das geht schließlich gar nicht.

Doch die Natur in Schach zu halten, hat ihren Preis. Der Autor lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass ein Garten unbedingte Aufmerksamkeit und Pflege braucht, da sonst die totale Verwilderung auf dem Fuße folgt. Sich wirklich kümmern, also entweder über Jahre die Wurzelknoten und jede Faser des Giersch zentimeterweise auf den Knien robbend ausbuddeln, oder es gleich ganz lassen. Ganz oder gar nicht – eine Alternative gibt es nicht.

„Der Garten kann einen wahnsinnig machen,“ so meint er, er nimmt vom Gärtner geradezu Besitz, schürt seine Ängste, lässt ihn des Nachts aus dem Schlaf hochschrecken ob der Fehler, die er beim Mulchen gemacht haben könnte.

Augsteins besondere Liebe gilt den Blumen mit den Zwiebeln, den Storchschnäbeln, Hortensien und Funkien. Er beschreibt, wie er den Geruch seines Gartens erlebt, die Erde fühlt, die Tiere beobachtet, immer wieder untermalt durch feinsinnige Exkursionen in die Literatur. Gerade aus diesen Absätzen spricht seine große Freude am und die Bewunderung für das private Paradies.

Wenn da nur die Menschen nicht wären! Vor allem jene, denen er notgedrungen Einlass in sein Refugium gewähren muss. Etwa unfähigen Landschaftsgärtnern, die den Teich trotz aller klugen Erklärungen dennoch verhunzen. Mit fremden Menschen, den Schwätzern, Lügnern, Eigennützigen, Unzuverlässigen, Aufgeblasenen und Missgünstigen, will dieser Gärtner zumindest innerhalb seiner eigenen Einzäunung so wenig wie möglich zu tun haben. „Es kann sein, dass wir den Garten lieben, um den Menschen zu entkommen,“ merkt er an.

In Augsteins Buch wird deutlich, was Gärtnern letztendlich bedeutet. Gärtnern heißt das Leben zu erfahren, sich krumm zu machen, anzustrengen, immer wieder neue Projekte umzusetzen, neue Herausforderungen anzunehmen. Der Gärtner erlebt Erfolge, muss Misserfolge ertragen können und wird von Überraschungen überwältigt. Deshalb macht Gärtnern glücklich.

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(C) Carl Hanser Verlag, München

Jakob Augstein, „Die Tage des Gärtners. Vom Glück im Freien zu sein“, Carl Hanser Verlag, München, 2012

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