Bowl Food: Iss dich glücklich!

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Man sollte sich seine gute Laune nie verderben lassen. Weder von einem Donald Trump, der noch immer nicht in der Versenkung verschwunden ist, noch von den Laubbläsern der Nachbarn, die morgens um sieben die Blätter und die armen Käfer und Spinnen durch die Luft wirbeln, noch davon, dass es jetzt schon nach dem Mittagessen dunkel wird. Das ist auch fast unmöglich bei den vielen hübschen Bildern von diesen Super und Power Bowls, die einem aus dem Internet und aus den Auslagen der Buchhandlungen entgegenlachen. Selbst die liebe Brigitte weiß, dass Super und Power Bowls „pures Glück auf deinen Tisch“ bringen. Genau das, was man also jetzt braucht.

kolum-powerbowlWer sich nicht mit Kochen und Foodblogs beschäftigt, muss an dieser Stelle vielleicht kurz aufgeklärt werden: Mit amerikanischen Footballveranstaltungen oder Bowlingkugeln haben die Bowls so wenig gemein wie eine Steckrübe mit einer Coladose. Es handelt sich schlicht um eine Schüssel in der Größe einer Müslischale, die normalerweise gefüllt ist mit allem, was gesund und bunt ist. Hauptsächlich vegetarisch oder vegan, aber auch mit Fleischbeilagen, und immer vollwertig und leicht.

kolumn-buddha-bowlWie wir seit der Steinzeit wissen, wo man sich eher paläo ernährte, ist alles im Fluss. So kommt dieses neumodische Napfgericht im Gefolge von Superfood und Clean-Eating und hat einen Trend in Gang gesetzt, der von Amerikas Grossstädten schon Besitz ergriffen hat. Die makrobiotische Versorgung der veganen Lebenswelt hat mittlerweile die Horden der New Yorker Businesswomen angesteckt, die ihren Lunch in den Delis von Salat auf Bowls umgestellt haben. Da finden sich dann Avocadoscheiben neben Rote Bete-Stücken, Möhrenraspel neben Lachs oder Hühnchenbrust, Baby-Spinat und Nüssen, angerichtet mit einer Erdnuss-Kurkuma-Sauce oder anderen geschmacksgebenden Toppings (nannte sich das bis vor kurzem nicht Dressing?). So viel Gesundheit in einer Schale. Allein beim Lesen fühlt man sich da doch gleich …wahnsinnig motiviert und verschenkt die gerade gekauften Dominosteine, das Stück 60 Kalorien, großzügig an die lieben Kinder der Freundin. Leere Kalorien hinfort mit euch!

Auch auf Europas Menükarten ist Bowl Food angekommen: In London weit verbreitet, in Berlin mit eigenem Motto-Restaurant. Wer möchte nicht so schön und erfolgreich sein wie das englische Model Ella Woodward, die seit kurzem einen eigenen Laden hat, wo Bowls zum festen Programmpunkt gehören, oder die Foodblogger und Autoren wie etwa Nigella Lawson, Sara Forte  oder Nina Olsson, die die Bowls auf ihre Cover gebracht haben. Wer möchte nicht den Verheißungen von Lifestyle- und Fitnessmagazinen folgen, die Buddha Bowls anpreisen für all jene, die schlank, schön und gesund sein wollen. Buddhas sind doch nie verkehrt. Die haben den Zustand von Sättigung und Zufriedenheit wenigstens schon erreicht.

Also her mit Quinoa, Mangoldsprossen, Hummus, Mango, Chiasamen und Edamame. Der Mensch ist, was er isst, das wusste schon Philosoph Ludwig Feuerbach. Nach dem Verzehr einer Bowl fühlt man sich dann ungefähr so wie die Jungs, die stundenlang in Fitnessstudios in den Maschinen hängen und dann hinterher vor Kraft kaum laufen können. Einfach unbeschreiblich toll und so wahnsinnig mit Energie aufgeladen, dass man sich kaum noch erheben kann. Und erst einmal über Instagram (#powerbowl #bowlfood) die neuesten Napfkreationen tüchtig verdauen muss. Wie sonst erklärt sich die Flut an Bildern von Buddha-, Smoothie-, Lunch-, Super- und anderen Bowls?

Oder ist es gerade umgekehrt? Verdankt der Hype den Erfolg seinem fotogenen, verführerischen Auftritt? Ästhetische, farbenfrohe und appetitanregende Bilder werden immer geliked und verbreiten sich in Windeseile. Doch läuft einem beim Lesen der Rezepte (es gilt die schlichte Regel: 25% Vollwertgetreide, 25% Gemüse roh oder im Ofen geröstet, 25% Nüsse, Sprossen, Samen, 15% Tofu, Hühnchen, Fisch, Fleisch, 10% Sauce) wirklich das Wasser im Mund zusammen, so dass man sogleich seine Bowl aus dem Regal reissen möchte?

Wenn man ehrlich ist, hat das Ganze mit Kochen ja herzlich wenig zu tun. Selbst Martha Stewart wirft bei ihren Healthy-One-Pot-Meals wenigstens noch den Herd an, um alle Zutaten zusammen in einem Topf zumindest zu garen. Wo bleibt die Raffinesse bei der Zusammenstellung von Gewürzen, Kräutern, Aromen , das Wissen um verschiedene Garmethoden, das Können, das über Gemüseschnibbeln und Backofentüröffnen hinausgeht? Die Einbeziehung anderer Kochkulturen? Unterm Strich bleibt die reine Nahrungsaufnahme.

Und dann immer dieses ewige Mantra von der Schüssel, in der sich die Geschmäcker der Zutaten so dicht an dicht wunderbar vereinen, die so schnell zubereitet sei, jeden Tag anders, am liebsten auf dem Sofa genossen und glücklich machend. Vernimmt Inspector Banks von vier Zeugen viermal die gleiche Antwort, gehen bei ihm ganz schnell die Warnglöckchen an. Man könnte es nämlich durchaus auch andersherum formulieren. Bowl Food besteht aus einer Schüssel, in der Zutaten willkürlich zusammengemischt werden, im Grunde ist es modernes Fast Food, das von Vorgekochtem und Resten aus Kühlschrank und Vorrat lebt, für nach Geborgenheit suchenden Singles erfunden wurde, die ausserdem auf ihre Linie achten. Und damit das alles nicht so scheusslich klingt, kommt noch das Häubchen Glück oben drauf.

Selbst die BBC scheut nicht vor Aufklärung zurück. Ernährungspsychologisch gesehen signalisiert eine gefüllte Schüssel mehr Sättigung als der Teller, die bunte Mixtur der Farben und Texturen der verschiedenen Zutaten beeinflussen allein durch den optischen Eindruck das Geschmackserlebnis und  steigert die Wertigkeit der Mahlzeit. Das Gehirn erliegt also einer Täuschung. Immerhin mit dem Ergebnis, etwas Gutes für sich getan zu haben.

Und man ist tatsächlich für eine gute Weile satt. Und das Energietief nach dem Essen bleibt (wen wundert es?) hundertprozentig aus. Das ist die richtig gute Nachricht. Nur der guten Laune hat es nicht wirklich geholfen.


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Nun die Anleitung für die Erprobung am eigenen Körper und Geist:

Man nehme unten aufgeführte (oder beliebig andere Zutaten), verteile sie hübsch in einer Schüssel, gebe Topping darauf und fertig.

Zutaten:
Kichererbsen gekocht
Quinoa gekocht, mit Gemüsebrühe gewürzt
Hokkaido in Würfel geschnitten, gesalzen und geröstet, 30 Minuten bie 180°C Umluft
Rote Bete eingelegt, in Scheiben oder roh oder geröstet
Möhren geraspelt
Avocado in Scheiben
Salatblätter
Kresse

Topping: (alle Zutaten mit Pürierstab mixen)
2 El Erdnussmus
50 ml Wasser
1 El Sojasauce
1 Tl Kurkuma
Meersalz
1 El Agavendicksaft

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