Falter im Schafspelz

Eigentlich sind die Öko-Bauern die Gekniffenen. Sie dürfen weder die Böden mit mineralischem Dünger auslaugen, sie dürfen auch keine Pestizide, Fungizide oder Insektizide versprühen, um ihre Kohlköpfe und ihren Weizen zu optimieren. Sie müssen sich dafür mit Fruchtfolge herumschlagen, müssen Unkraut mühsam ausrupfen, Kleingehölz und Feldränder für Insekten und Vögel pflegen und Freundschaft mit Schnecken und Läusen schließen. Wenn dann noch das Wetter zuschlägt, bleibt wenig übrig. Und den Verbraucher juckt das sowieso alles nicht, auch nicht der „Earth Overshoot Day“, lieber beschwert er sich über die Preise.

Ich bin froh, dass ich kein Öko-Bauer bin, sondern nur eine Öko-Gärtnerin, die temporär ihre Familie selbst versorgt. Wenn bei mir die Kartoffeln nicht gedeihen, ärgere ich mich, aber ich kann immer noch in den Bioladen tapern. Der Öko-Landwirt muss in größeren Dimensionen planen und Einbußen aushalten.

Meine Beete sind klein, ich kann rings um sie herum Maschendraht spannen und Bambusstöckchen zu Gestellen zusammenbasteln, um sie mit Schutznetzen zu behängen. Meinem ästhetischen Empfinden läuft das natürlich sehr zuwider und ich vermeide Gartenfotos in dieser Zeit. Doch es gibt eine dringende Notwendigkeit: Rosenkohl und Palmkohl-Pflanzen sind nämlich in größter Gefahr. Ebenso meine Bohnen, Gurken, Zucchini, Kürbisse und bunten Beten. Meine gepäppelten Paprika-Pflanzen sind es nicht mehr, sie sind schon komplett vom Reh zerlegt, und die noch kleinen, grünen Schoten liegen geköpft im Beet.

Während ich diese Zeilen schreibe sehe ich auf der anderen Seite des Teichs Klein-Bambi lustig über die Wiese flitzen. Rehbock und Ricke fröhlich hinterher. Heute Abend werden sie wieder ungeniert versuchen, meine Anpflanzungen zu plündern. Ich könnte diese gefräßigen, anstandslosen Zeckenschleudern zurzeit eiskalt zu Hackfleisch verarbeiten. Warum jage ich ihnen eigentlich nicht die Hunde auf den Leib?

Und da fliegt noch ein Feind, ein kleiner Wolf im Schafspelz. Im Gemüseanbau richtet er – der niedliche Kohlweißling – beträchtliche Schäden an. Auch beim Öko-Bauern, der den Preis dafür zahlt, dass er ihm mit einem Insektizid nicht eben mal den Garaus macht. Man sieht es dem Tier gar nicht an, so rein, so zart, so unschuldig und zerbrechlich kommt es dahergeflattert. Zwei schwarze Pünktchen auf den Flügeln. Also eine Dame. Und da – oh – noch so ein lieblicher Falter mit nur einem schwarzen Punkt auf dem Flügel, ein Männchen, das ihr nachstellt. Ich muss jetzt nicht weiter ins Detail gehen. Das Ergebnis sind winzige gelbliche Eier auf den Blattunterseiten der Kohlpflanzen. Aus ihnen schlüpfen dann sattgrüne Raupen, die man anfangs noch fast mit der Lupe suchen muss, so klein. Ihre Anwesenheit macht sich spätestens in den zunehmenden Löchern der Blätter bemerkbar.

Hat man also seinen Pflanzen im Beet nicht rechtzeitig die Netz-Burka überstülpen können, muss man nun regelmäßig die schnell wachsenden Raupen absammeln und den Amseln zu fressen geben (in der Hoffnung, dass diese dann keinen Hunger mehr auf die Heidelbeeren haben). Aber welcher Landwirt hat dafür schon Zeit?

Ich habe zum Glück einen Hund, der leidenschaftlich gern den weißen Faltern hinterher hetzt. Ich verbiete es nicht, auch wenn versehentlich mal ein Tagpfauenauge im Fang landet. Wir arbeiten daran.

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