Rasen, Wiese oder was?

Einen Garten will man ja eigentlich nur genießen. Man muss ihn sich aber erstmal hart erarbeiten. Auch wenn Handbücher, Zeitschriften und Nachbarn etwas anderes vermitteln.


Woran denken Männer, wenn ihre Frau schwanger wird? Richtig, an ein neues Auto. Woran denken sie, wenn sie einen neuen Garten mit großer grüner Fläche beziehen? Richtig, ob sich die Anschaffung eines Aufsitzrasenmähers lohnen könnte.

Und woran denke ich beim Anblick einer grünen Fläche? An eine schöne Wiese, wie die aus meiner Kindheit und den dicken, bunten Blumenstrauß, den ich meiner Mutter jedes Jahr zum Muttertag gepflückt habe, an Wiesenschaumkraut, Hahnenfuß, Storchschnabel, Skabiosen, Margeriten und saftiges Gras.

Und da sind wir schon mitten im Dilemma, auch wenn es noch nicht so aussieht.

Die Anlage eines Gartens erfordert nämlich, nett formuliert, einige Kraftanstrengung und birgt unvorhergesehenes Konfliktpotential. In jedem umfangreicheren Garten-how-to-Werk wird im ersten Kapitel die Gartenplanung abgearbeitet. Da stehen dann so harmlose Sätze wie die, dass man erstmal eine Bestandsaufnahme dessen machen solle, was das angepeilte Gartenparadies denn später erfüllen müsse. Es geht also um gepflegte Staudenbeete, Sichtschutzhecken, Zäune, Grillplätze, Wege, Rasenflächen und Hochbeete. Um Wildblumenwiesen geht es nie. Die gehören wahrscheinlich ins Areal ausserhalb des Grundstücks.

Bei uns war klar: ein Gemüsegarten mit Kastanienzaun, ein Platz für das Gewächshaus, eine Weinbergmauer im abschüssigen Gelände für den Wein davor. Ein Staudenbeet mit Duftrosen. Einen sogenannten „Gin-Tonic“-Platz für den Apéritiv in der letzten Abendsonne. Und meine Wildblumenwiese. Die Wiese meiner Träume. Der Rest meinetwegen gemähtes Grün, meinetwegen auch um darauf vorsichtig zu kicken, gemähtes Grün, das laut Handbuch allen anderen Elementen „einen ordentlichen Rahmen“ verpasst. Und je weiter weg vom Haus, desto wilder und ungezähmter darf der Garten werden. Gängiges Prinzip.

Wer sich übrigens bei der Planung unsicher ist, verbringt einfach einen Nachmittag an der Königlichen Gartenakademie in Berlin und belegt dort einen einschlägigen Kurs bei Gabriella Pape. Er lernt dann, dass ein Garten aus verschiedenen Räumen bestehen sollte, um interessant und lebendig zu werden und um damit das stinklangweilige übliche Modell „quadratisch-praktisch-gut“ zu vermeiden. Von dort kam auch die Idee des „Gin-Tonic“-Platzes, die ich genial fand und triumphierend nach Hause trug. Die meisten ignorieren solche Kurse, leider generell diese Thematik und lassen sich noch nicht einmal von einschlägigen Gartenzeitschriften inspirieren und basteln sich einen Garten, der nachher den biederen Charme eines Obi-Baumarktes versprüht.

Bei unserem Garten handelt es sich um eine recht große Fläche. Eine Wildblumenwiese wäre deshalb auch aus rein praktischen Erwägungen schon eine Erleichterung. Diese Fläche braucht nämlich nur ein Mal im Jahr gemäht zu werden. Die Zeitersparnis übers Jahr gerechnet wäre nicht zu verachten.

Auch (und aus meiner Sicht vor allem) der ästhetische Wert läge darin, dass man wunderschöne, gemähte Pfade anlegen könnte, wie ich es bei dem niederländischen Landschaftsgärtner Piet Oudolf gesehen habe. Pfade, über die man stundenlang barfuß wandeln möchte. Dafür hätte man ja dann auch Zeit, weil man schließlich nicht auf dem Aufsitzrasenmäher sitzen muss. Und letztendlich würden sich auch die Bienen bestimmt über die vielen schönen Blüten freuen.

Die Wildblumenwiese war also beschlossene Sache.

Soweit die Theorie.

Und die Praxis? Hätte ich nur vorher Vergils Georgica gelesen, wäre ich gewarnt gewesen. Schon dort steht etwas vom keuchenden Stier, der die Erde umpflügt, und dass man darauf achten soll, „was dir jeglicher Boden gewährt, was jeglicher weigert“. Vorgefunden haben wir nämlich einen sandigen, unfruchtbaren Boden. Der Traum von der fetten Wiese war somit zerstoben. Ich musste mich mit dem Gedanken an eine Magerwiese abfinden. Der Boden mit einer Moosschicht bedeckt, die umso tiefer reichte, je mehr wir versuchten, sie durch Vertikutieren zu entfernen. Die Kinder wurden zur Fronarbeit verdonnert und karrten brav bis zur Erschöpfung Berge um Berge um Berge an Moos weg, ohne dass es weniger wurde. Im Gegenteil. Ähnlich wie im Märchen von Rumpelstilzchen, in dem die Müllerstochter immer mehr Stroh zu Gold spinnen sollte und darüber beinahe vollkommen verzweifelte. Wäre da nicht Rumpelstilzchen angetanzt.

So einen Retter (aber in nett) hatten wir auch. Ein Bauer aus dem Pferdestall erbarmte sich unser und pflügte mit einem richtigen Traktor, also so einem, dessen Räder einen überragen, den kompletten Boden um, so dass wir „nur noch“ die Soden abtragen und wegschaffen mussten. Ein schweißtreibendes Workout, das erbarmungslos auf den Ischiasnerv drückte. Der keuchende Stier an der Schubkarre, abends nicht mehr fähig, vom Stuhl aufzustehen. Ich weiß nicht mehr, nach wie vielen Tagen wir endlich die letzten, tonnenschweren Ladungen auskippten (und gleichzeitig unseren Knüppeldamm durchs wilde Schilfgebiet damit anlegten). Aber wir hatten es geschafft.

Und dann endlich die Aussaat von Gräsern und Wildblumen in einer Mischung für das norddeutsche Tiefland. Nicht zu Verwechseln mit der für das südliche Alpenvorland oder einem Dutzend anderer Mischungen. Ein halbes Jahr später jedenfalls war alles einigermaßen grün, hier und da schon eine Blüte und die Rückenschmerzen nie dagewesen. Das ist das Schöne beim Gärtnern: Das Ergebnis lässt alle Anstrengungen vergessen. Auch wenn das Ergebnis hier erstmal noch lückenhaft war und in den Folgejahren der Nachsaat bedurfte. Eine Wiese, gerne besucht von Hasen, Vögeln und Mäusen. Eine Wiese, die unter meinen missbilligenten Blicken auch mal einen Fußball im Anflug aushält.

Und der Rasen? Ein Kinderspiel. Gute Samen gekauft, da wo notwendig ausgesät, gegossen und schon war alles grün. Nur unser Aufsitzrasenmäher der Marke Husqvarna wollte nicht so recht mitspielen. Er war bei dem Grundstück schon dabei und hatte einige Jährchen auf dem Buckel, war aber von Anfang an begehrtes Objekt, vor allem bei den Familienmitgliedern ohne Führerschein.

Ich weiß nicht, wie die Nachbarn das machen. Dort wird ständig gemäht, morgens, mittags, nachmittags, aus allen Richtungen dringt das monotone Motorenbrummen zu uns durch, natürlich von den angestellten Gärtnern, keiner bedient selbst das Mähgerät. Aber der Garten ist ordentlich und immerzu vorzeigbar.

Vielleicht liegt es daran. Vielleicht sollten nur Profis auf Rasenmäher klettern. Bei denen funktionieren die Maschinen immer. Bei uns jedenfalls muss gefühlt einmal die Woche der örtliche Händler kommen und das Ding reparieren. Der schaut immer schon ganz gehetzt, mit Schweissperlen auf der Stirn, wenn er unser Grundstück betritt. Wie oft war der Keilriemen schon gerissen! Unzählige Male! Die Batterie kaputt, der Reifen platt. Wir mussten ihn schon aus dem Sumpf hieven, wo er umgekippt lag, weil die Grassoden auf dem frisch angelegten Weg nachgegeben hatten.

Als Folge dieser Missgeschicke konnte der Rasen natürlich ungehindert wachsen und wuchern. Er wurde ja nicht so oft gemäht. Und wenn der Husqvarna doch ansprang, ließ sich das hohe Gras wiederum nur schlecht abraspeln. Ein Stock, vom Hund schön versteckt, gab ihm sodann den Rest. Der Keilriemen wieder einmal futsch.

Es ist also die Ordnung im Garten, die anstrengt. Das Zurückdrängen der Natur auf ein Maß, dass den Drahtseilakt zwischen Unordnung und Struktur aushält.

Leider ist es aber auch so, dass es unseren Fahrern des Mähers nicht unbedingt um die Ordnung im Garten geht, also das große Ganze im Blick zu haben. Es geht darum, mit dem Gerät stundenlang das Revier zu befahren, Ruhe zum Nachdenken zu haben, nicht im Stau zu stehen und so weiter. Das heißt, die Motivation hält sich in Grenzen und Ermüdungserscheinungen stellen sich ein. Es geht sogar soweit, dass neuerdings oval geformte, ungemähte Rasenstücke und Brennesselfelder stehen bleiben. Aus angeblich ästhetischen Gründen versteht sich.

Mit meiner Blumenwiese bin ich da fein raus. Die darf wachsen.

Die Motivation wurde allerdings durch die Anschaffung eines neuen Aufsitzmähers wiederbelebt. Es wurde gemäht, was das Zeug hielt. Auch das Territorium meiner Wildblumenwiese wurde enthusiastisch in Angriff genommen. Die Wege eigenmächtig verbreitert, die obere Begrenzung um einen halben Meter verringert. Ich war empört über diese Ignoranz. Die Skabiosen waren weg. Am nächsten Tag blieb Wolfi (der Händler riet und diesmal zu einem deutschen Fabrikat der Marke Wolf mit zwei Keilriemen) dann einfach stehen und machte keinen Mucks mehr. Das war die Strafe. Und bei uns war die Natur wieder auf dem Vormarsch.

Einen Gärtner zu haben ist bequem, mehr nicht. Die Arbeit im Garten hat auch etwas mit Kreativität, mit Erschaffen zu tun. Die Anstrengung schafft eine Art von Bindung, Arbeit verändert das Verhältnis zu Dingen. Ich weiß die Wiese zu schätzen, sie ist mehr als nur ein paar Blumen. Und das Gefühl an einem heißen Sommertag unterm Sonnenschirm dem Zirpen der Grillen zuzuhören, genieße ich sehr.

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