Thermo-Terror

Manche Dinge sind nur schwer zu ertragen: Formel 1 Rennen am Sonntag, der Eurovision Song Contest und Thermomix Videos auf Youtube.

Nun muss man sich all das ja nicht antun, freiwillig, meine ich. Aber kürzlich fragte mich mein Mann, warum wir keinen Thermomix hätten. Nein, nicht weil er vorsorglich schon über Weihnachten nachdachte. Er hatte gehört, dass sich jetzt schon ganze Kochmagazine dem Thema widmeten. Da müsse doch was dran sein!

Keine Ahnung, ich musste passen. Ich kenne auch niemanden, der einen hat und den ich hätte fragen können. Dabei wird alle 30 Sekunden eines dieser Geräte verkauft! Meine vagen Vorstellungen gingen in Richtung Dampfgarer mit Häksel-, Knet- und Selbstreinigungsfunktion, mehr aber auch nicht.

Also habe ich Youtube bemüht. Hätte ich das mal lieber gelassen. Es gruselt mich jetzt noch. Vor mir tun sich unbekannte Welten auf, ich mache Bekanntschaft mit lauter unpersönlichen, lustbefreiten Küchen, in denen sich im Neonlicht höchstens Plastikdosen neben dem heiß geliebten und umworbenen Gerät stapeln. Damen, die voller Inbrunst die Knöpfe ihres TM betätigen, der ihnen in ihrer trauten Zweisamkeit wiederum durch einen triumphierenden Tusch das Ende eines Kochvorgangs signalisiert. Das zig Mal wiederholt, bis das Essen entweder fertig oder vorbereitet für die Weiterverarbeitung in Ofen oder Pfanne ist (ich dachte immer, der kann alles?). Zwischendurch Höllenlärm aus der Küchenmaschine (man meint, dem Grand Prix von Montreal live beizuwohnen) und begleitet von O-Tönen, die ich nicht weiter kommentieren möchte. Das ist schlimmer als Formel 1 und ESC zusammen.

Wer, bitte, gibt für dieses Ding, das schon beim Anblick Augenkrebs verursacht und noch nicht mal braten und backen kann, obwohl es 12 Funktionen hat, 1199 € aus? Manche besitzen sogar gleich zwei!

Die Antwort steht in der letzten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dort wird von einem „Kochduell Mensch gegen Maschine“ berichtet, bewertet von zwei Sterneköchen. Es kocht ein Hobbykoch ohne und eine Hausfrau mit Thermomix. Sein Anspruch: Essen soll schmecken. Ihr Anspruch: Essen soll satt machen und gesund sein. Um es kurz zu machen: der Mann am Herd schneidet mit den Gerichten viel besser ab, sowohl geschmacklich als auch von den Konsistenzen. Bei der Maschine tendiert mehr oder weniger alles hin zum faden Brei. Hier liegt anerkannt auch die Stärke des Thermomix: bei Babykost, Pürees, Suppen und Eis. Ein bißchen dürftig.

Nein, ich weiß, warum dieses Gerät meinen Weg nie gekreuzt hat: ich liebe gutes Essen. Gesund ist es sowieso. Und der Prozess des Kochens gehört einfach dazu.

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