Zu Besuch in: Palermo

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Was wäre die sizilianische Küche ohne Auberginen? Eine Küche ohne Auberginensalat, Auberginenbällchen, Auberginenröllchen und nicht zuletzt ohne die berühmte Pasta alla Norma, benannt nach der ebenso berühmten Oper von Vicenzo Bellini. Einfach undenkbar!

Ebenso wenig wegdenken kann man sich die als Vorspeise zubereiteten Arancini, in Öl ausgebackenen, gefüllten Reisbällchen, oder die Caponata, geschmortes Auberginengemüse mit Oliven und Kapern, oder den Orangensalat mit Zwiebel und Fenchel. Pescetarier und Carnivoren kommen selbstredend auch auf ihre Kosten mit Thunfisch, Sardellen, Lamm und Kaninchen. Und die Dessertarier freuen sich auf Pistaziengebäck, auf Mandel-Cantuccini mit einem Gläschen süßem Marsalawein, auf eine Cassata siciliana, einer Schichttorte mit kandierten Früchten oder die Cannoli, ricottagefüllte Teigrollen. Alles in allem eine bunte, bodenständige und doch sehr eigene Küche.

Sizilien ist eine wunderschöne, abwechslungsreiche Insel, die ich schon als Studentin gerne bereist habe, wenn auch das Geld nur für den Campingplatz und nie für ein Restaurant reichte. Auf Schritt und Tritt stolpert man über Relikte aus der Antike, stapft durch griechische Tempelruinen, Amphietheater und bewundert einzigartige Mosaiken in alten Villen. Einmalig sind die Zeugnisse der Zeit, als Morgenland und Abendland, Araber und Normannen weitgehend friedlich nebeneinander lebten, sich ihre Kulturen gegenseitig befruchteten und einen ungeheuren kulturellen Reichtum hervorbrachten.

Doch mein letzter Besuch Palermos nach vielen Jahren war irgendwie ernüchternd. Der botanische Garten, in dem schon Goethe nach der Urpflanze suchte, wirkt merkwürdig heruntergekommen, die Straßen sind ewig verstopft, die Kirchen werden von Polizisten bewacht. Vielleicht schärft die Zeit den Blick, man nimmt die Einfachheit und Armut wahr, den Gegensatz zur Bevölkerung Norditaliens, das mehr oder weniger erfolgreiche, schwierige und riskante Aufbegehren gegen die mafiösen Zwänge, gegen die Schutzgelder, gegen den pizzo.

Man kann sie sehen, die von der Mafia gebauten, gesichtslosen vielstöckigen Wohnhäuser am Rande der Stadt. Überall hat die Organisation ihre Finger im Spiel, wo es Geld zu verdienen gibt. Auch wenn wir es uns heute leisten können in Restaurants oder Trattorien zu gehen, es hat einen bitteren Beigeschmack zu wissen, dass der Wirt des Lokals unter Polizeischutz steht, nur weil er die Erpresser angezeigt hat. Immerhin haben sich in Palermo mittlerweile etwa 20 Prozent der Inhaber von Geschäften und Lokalen der Widerstandsbewegung gegen die Schutzgelder “ Addio pizzo“ angeschlossen. Der Rest zahlt.

Im Restaurant „Ferro di Cavallo“, von einem Freund treffend als „ziemlich wilde Kneipe“ bezeichnet, ist alles eng, mittags schon voll bis aus den letzten Platz, rot getünchte Wände, Stapel von Kartons mit Panettone, Nudeln, Wein und Oliven in den Gängen, das Menü auf die Papiertischdecken gedruckt, die Tische voller Gläser, Flaschen und Brot, immer wieder werden Teller mit anderen Vorspeisen, Arancini und Caponata, und später Nudel- oder Fischgerichten hingestellt, alles einfach und gut, der Hintergrundsound der mindestens-drei-Generationen-Familien an den Nachbartischen zu laut für eine entspannte Unterhaltung, auch wir müssen uns anschreien, trinken einen herrlichen Weißen, um zwei Stunden später aus dem Lokal zu rollen, bereit und gestärkt für die Geschichte der Stadt. Und vielleicht auch wieder ein bißchen mit ihr versöhnt. Essen verbindet eben doch.

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