Kneten, kochen, küssen

Es gibt Leute, die sind der Meinung, Kochen sei den Sportarten zuzurechnen. Mit Hilfe des Internets kalkulieren sie dann den Kalorienverbrauch, wenn sie ihre 25 (kein Witz!) Weihnachtsstollen kneten und kommen dann pro Stunde auf 134 Kalorien. Man muss dann schon 2 Stunden kneten, um die Kalorien von 1 Scheibe Stollen wieder gutzumachen. Toller deal! Allerdings wird bei dieser Tätigkeit vor allem die Oberarmmuskulatur beansprucht, der Rest bleibt dann leider schlaff. Diese Sportdisziplin ist also nicht wirklich der Bringer. Ebensowenig wie das Graben nach Würmern (verbraucht immerhin 214 Kalorien pro Stunde), Blumen pflücken (verbraucht 161 Kalorien pro Stunde, dafür ist die Wiese nachher leer) oder Küssen (verbraucht lediglich 53 Kalorien pro Stunde, macht aber Spaß).

Okay, Kochen ist manchmal anstrengend, da kann keiner was dagegen sagen. Aber mittlerweile gibt es ja auch Rezepte für no-knead-bread, wo der Teig vor allem Ruhe braucht und kein Rumgeknete, Nudelteig liegt fertig im Kühlregal und muss nicht mehr mühsam ausgerollt werden, und für das Raspeln von Möhren und Rotkohl gibt es schließlich Küchenmaschinen.

Dennoch bilden Kochen und Sport eine gewisse Einheit, denkt man an die unendlich vielen Ratgeber zur richtigen Lebensführung und Ernährung, an die zahllosen Ernährungspläne und Diätregeln. Auch hier werden Proteine, Kohlenhydrate und Vitamine gezählt, der Genuss bleibt jedoch leider meistens auf der Strecke oder existiert nur in der light-Variante. Reicht doch auch, oder nicht? Auf Youtube kursieren dazu furchtbar amüsante Videos über die vergeblichen Versuche, mit dem privaten Personaltrainer etwas Essbares zustande zu bringen (vielleicht sollte man es lieber als Trauerspiel bezeichnen). Und wer keinen Personaltrainer hat, bringt sich mit Spotify-Playlists zum Thema Sport, Kochen und Wohlfühlen in Stimmung. Weihnachtsstollen? Ja, in dieser Welt aber bitte nur in Form von Duftkerzen.

Dabei gehört Kochen zusammen mit Einkaufen zu den beliebtesten Hausarbeiten (da haben wir es! Von wegen Sport…). Kochen ist kreativ, baut Stress ab und spricht die Sinne an. Und am Ende stehen dann eine Piadina mit Trüffelcreme, selbstgemachte Ravioli und ein Tiramisu auf dem Tisch. Na gut, das vielleicht nicht jeden Tag, aber zumindest ab und an. Und das auch nur bei jenen, die Kochen und Essen nicht als Strafe oder Zeitvergeudung verstehen.

Kochen kann also Spaß machen und verbraucht auf jeden Fall mehr Energie als Küssen. Kochen kann aber auch eine super Ausrede sein, um nicht zum Joggen gehen zu müssen, also den Stoffwechsel reell in Schwung zu bringen. Vanillekipferl und Zimtsterne lassen grüßen. Ich kann ein Lied davon singen, denn merkwürdigerweise koche ich am liebsten Samstag vormittags. Merkwürdigerweise habe ich da auch immer schon meine Joggingklamotten an. Da sprudeln dann die Ideen nur so aus mir heraus, meine Kreativität ist ungebremst, keine Verpflichtungen rufen, keine Schulsandwiches, die geschmiert werden wollen, keine Arbeit, die erledigt werden muss, kein leerer Kühlschrank, das Pferd kann warten, ebenso die neue Baustelle in Italien. Wären da nicht die Hunde. Und schlimmer noch der innere Schweinehund an diesen grauen Morgen.

Ich gebe mir einen schweren Ruck. Gnocchi hin oder her – die Kartoffeln müssen sowieso erstmal ausdampfen. Und mit selbstverliehenem Schweinehundvertreiberorden schmecken sie nachher nochmal so gut.

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