Rockende Weicheier

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Treue Leser ahnen es bereits: mein Mann kann nicht kochen, er will es auch nicht. Das ist gut so, denn sonst würden wir uns dauernd ins Gehege kommen, und ich hätte ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit schon zu Hackfleisch verarbeitet. Denn wer in meiner Küche, dem heiligen Ort, hantieren will, sollte wissen, was er tut.

Der ignorante Umgang mit qualmendem Olivenöl in teuren Pfannen, mit dem heißen Teekessel, abgestellt auf dem sensiblen Touchdisplay des Induktionsherds, mit kalten Nudelresten, erhitzt per Boost-Funktion, so dass der Käse in drei Sekunden im Boden einbrennt, ist mir absolut unverständlich. Und nicht zuletzt die nach simplem Stullenschmieren in ein Vandalen-Schlachtfeld verwandelte Küche ertrage ich nur mit Meditationsübungen.

Doch Belehrungen sind kontraproduktiv und Anleitungen sinnlos. Das ist, als wolle man seinem Kind selbst Mathe beibringen oder Klavierspielen. Solche Tätigkeiten überlässt man nämlich am besten Dritten.

Nun will es der Zufall, dass der beste Freund meines Mannes die Kunst des Eierkochens in allerhöchster und hingebungsvoller Perfektion beherrscht. Das ist super, denn bei gemeinsamen Urlauben profitiere auch ich davon.

Ich gebe zu, beim Thema Eierkochen bin ich leidenschaftslos, Hauptsache nicht schlabbrig-wässrig. Früher waren elektrische Eierkocher der letzte Schrei, auch meine Mutter war im Besitz eines gelb-weißen Ufo-artigen Gerätes, das jedoch irgendwann seinen verkalkten Geist aufgab, dazu eines braun-beigen Plastik-Eierpieksers, dessen Feder quietschte. Alles Retro.

Heute spielen schwimmende Eieruhren im Wasserbad Rockmusik. „Smoke on the Water“ ertönt für Weicheier, „I Was Made for Lovin´ You“ für die Mittelweichen und „The Final Countdown“ für die ganz Harten. Blöd nur, wenn man die Lieder durcheinanderbringt. Unmusikalische Menschen bevorzugen aus diesem Grund mitkochende Eieruhren, die ihre Farbe je nach Konsistenz ändern. Und die ganz Schlauen machen sich im Internet sachkundig, wo sie erfahren, dass das perfekte Frühstücksei 4 Minuten kochen muss, das wachsweiche 7 Minuten und das harte 11 Minuten. Kommen sie aus dem Kühlschrank brauchen sie eine Minute länger. Sind sie klein, 30 Sekunden weniger.

Eierkochen ist also doch eine Wissenschaft für sich. Während ich mich lieber an das perfekt gekochte Rührei halte, hat sich mein Gatte bei seinem Freund in der Zwischenzeit abgeguckt, wie das perfekte Frühstücksei hergestellt wird. Damit er ihm (!) auch mal eines kochen kann. Und das geht so: Bio-Ei aus dem Kühlschrank nehmen, anpieksen, vorsichtig ins kochende Wasser legen und genau 6 Minuten 13 Sekunden kochen lassen.

Abschrecken ist übrigens auch nicht so das Gelbe vom Ei, das kann man sich getrost sparen, man verbrüht sich erstens nur die Finger und zweitens sind die Eier hinterher kalt. Frische Eier lassen sich schlecht abpellen, ältere leicht – das ist das ganze Geheimnis.

Jedenfalls kann mein Mann jetzt perfekte Frühstückseier mit festem Eiweiß und flüssigem Eigelb kredenzen – auch mir, wenn ich Verlangen danach habe. Darauf ist er, glaube ich, ein bißchen stolz. Und die Küche leidet auch nicht so sehr darunter.

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