Alle auf Abstand

Man kann Corona nur mit allergrößter Mühe etwas Gutes abringen. Ausser vielleicht, dass Deutschland letztes Jahr deswegen aus Versehen sein Klimaschutzziel erreicht hat.

Man hätte zur Zeit allerdings – wenn man das denn will – die einmalige Gelegenheit, total ungeniert und hemmungslos Knoblauch zu essen. Es laufen ja sowieso alle mit Masken rum. Und weil wir so auf Abstand leben, treffen wir uns mit niemandem mehr wirklich, geschweige denn umarmen oder küssen uns gar oder nähern uns anderweitig an. Die Ausdünstungen stören also keinen, und man bleibt selber davon verschont. Und die, die man tatsächlich trifft, umarmt und küsst, sitzen sowieso mit einem am selben Tisch und essen das gleiche Essen. Wenn es dann Aioli, Tzatziki, Spaghetti aglio e olio oder Knoblauch-Bruschetta gibt, können alle rücksichtslos völlern.

Vorübergehend ausgesetzt sind auch die Zeiten, in denen man sich vor einem Rendezvous oder einem Bewerbungsgespräch heimlich in die Handflächen hauchen muss, um den eigenen Knoblauchpegel zu überprüfen, denn dummerweise gab es vorher zum Lunch Mojo rojo oder Scampi in Chili-Knoblauchöl. Danach dann verzweifeltes Zermalmen von Petersilienblättern, die dann strahlend grün zwischen den Zähnen dem Gegenüber entgegenlächeln oder, noch weniger effektiv, Kauen von Kaugummi, dessen frischer Spearmint-Geschmack doch überraschend schnell von den schwefeligen Verbindungen der Knolle überlagert wird. Auch hektisches Zähneputzen hilft da nicht.

Über Gerüche lässt sich streiten. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage innerhalb meiner Familie kommen auf die Frage nach angenehmen Düften spontane Antworten wie: Londoner U-Bahn, gekochtes Apfelmus mit Zimt, gegrilltes Fleisch (und diese Aussage von einem Vegetarier!), Imbissbude (Hallo!?), frische Wäsche, Curryduft, Brot aus dem Ofen, Hundepfoten, frisches Papier. Ich würde sagen, eine sehr subjektive Mischung. Merkwürdigerweise fällt der Truppe bei der Frage nach Erinnerungen an üble Gerüche fast nichts ein, abgesehen von den faulfischigen Maulausdünstungen unseres hochbetagten Hundes. Knoblauch hat also keiner von ihnen auf dem Zettel.

Manchen Leuten macht das ja auch nichts aus. Ich muss aber gestehen, ich selbst bin recht geruchsempfindlich. Besonders diese ewigen Döner-Fahnen in der Berliner S-Bahn habe ich noch ganz übel im Gedächtnis. Oder diese modrigen, dunklen Kindheitserinnerungen an irgendwelche ollen Großtanten, die so abscheulich muffig rochen und in ihren Küchen diese braun glasierten, durchlöcherten Tontöpfe stehen hatten, in denen weiße, meist schon schrumpelige und bereits keimende Zehen lagerten, die den ganzen Raum verpesteten. Kein Vampir hätte sich jemals dorthin verirrt. Mir war damals völlig unverständlich, wie man das aushalten kann. Irgendwann wusste ich dann, dass Knoblauch die Arterien entkalken und gut fürs Gehirn sein soll und deshalb in der entsprechenden Altersgruppe entsprechend beliebt war – und noch immer ist. Nur, dass heute bevorzugt geruchsneutrales Knobi-Vital in Kapsel- oder Flüssigform eingenommen wird.

Wo man sich früher keine Gedanken machte, wird heute immer öfter proaktiv gehandelt – und die Zutat gleich ganz weggelassen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Für Kino-Besucher mag das erfreulich sein, aber aus kulinarischer Sicht? Will man in Norditalien Pesto Genovese kaufen, muss man höllisch aufpassen und genau hinschauen, um auch ein Glas zu erwischen, das Knoblauch enthält. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig. Pesto ohne Knoblauch schmeckt ungefähr so wie Schokoladeneis ohne Schokolade. Es fehlt ein essentieller Bestandteil.

Was in Italien schon jede Köchin weiß, spricht sich zum Glück auch andernorts herum: man muss nämlich nur den Keim aus der Mitte der Zehe entfernen und schon hat man einen Großteil des Stinke-Problems gelöst. Und verschrumpelte Knobis setzt man am besten gleich ins Beet zu den Rosen oder zwischen die Erdbeeren. Die mögen sich nämlich. Im zweiten Jahr kommen dann hübsche Kugelblüten heraus, auf die die Bienen und Hummeln besonders gern fliegen. Und wenn man Glück hat, erntet man auch ein paar frische, saftige Zehen. Und die sind über alle üblen Gerüche erhaben.

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