Peilung mit Pesto

Der Italiener allerliebste Beschäftigung ist es, übers Essen zu reden. Das ist wirklich so, eine durchaus bierernste Angelegenheit, und zwar jederzeit und überall. Bestes Beispiel: Die beiden Techniker, die kürzlich unter Einsatz ihres Lebens auf meinem steilen Dach in Italien herum balancierten, um nach dem WLAN-Signal zu peilen, unterhielten sich nonstop und sehr engagiert darüber, welches das beste Pesto sei, ob mit oder ohne Knoblauch, ob rot oder grün, mit welchem Käse und von welchem (natürlich regionalen) Produzenten. Es war noch nicht mal neun Uhr morgens und ein Mittagessen in weiter Ferne. Das WLAN haben sie trotz Pesto gefunden, und ich bin endlich wieder mit der Welt verbunden.

An jeder Frischetheke in den Läden entstehen lange Warteschlangen, weil sich Kunden in aller Seelenruhe mit den Verkäufer/-innen über Rezepte und Zubereitungsarten von Ricotta oder Pancetta austauschen. Und da jeder einen Wartebon ziehen muss, wird die Zeit genutzt, um die Einkaufsliste abzuarbeiten. Scharenweise ziehen hier Männer mit zwischen Schulter und Ohr eingeklemmtem Handy durch die Regalreihen, um die Menüfolge mit der Signora daheim lautstark zu diskutieren und nebenbei ganz selbstverständlich den Wagen zu füllen.

Oder beim Marktbesuch, wo ältere Damen gerne in kleinen Gruppen mitten im Weg herumstehen, um sich darüber auszutauschen, was sie am liebsten in die Frittata am Mittag packen: Zucchini, Käse oder vielleicht doch nur Zwiebeln?

Eine Steigerung des Ganzen beobachtet man dann am Strand. Dort stehen sie stundenlang bis zu den Knien im grünblauen Meer, um über Lasagne, Ravioli di borragine oder die richtigen Kartoffeln für Gnocchi zu reden. Und zwar schon morgens ab halb zehn bis Punkt zwölf. Jeden Tag, zumindest im Sommer, was sollte man bei 27 Grad auch sonst anderes tun? Vielleicht nebenbei noch aquagymnastikmäßig leicht tänzeln, man muss sich ja schließlich etwas bewegen, um nicht ganz einzurosten.

Während ich mich nach meinem morgendlichen Bad gemütlich auf meinem Strandtuch und mit geschlossenen Augen von der warmen Sonne trocknen lasse, erreicht mich vom Sonnenschirm ein paar Meter weiter links von mir eine fürsorgliche weibliche Stimme, die ihren Familienmitgliedern um sie herum ankündigt, dass sie sich zum Mittag über ein Stück weiße Pizza mit Stracchino und Rucola freuen dürfen. Eine Schwangere hinter mir indes telefoniert mit ihrem Onkel und bittet ihn um ein paar Gemüse aus seinem Garten.

Langsam wird es mühsam, denn mein vom Intervallfasten leerer Magen will sich jetzt noch keinesfalls mit solcherlei Gedanken befassen. Was soll’s! Am besten, ich gönne mir subito einen Latte macchiato, bevor ich meine rote Vespa sattele. Man muss ja nicht immer verzichten, das macht nur unschöne Falten um den Mund. Und wenn wir etwas überhaupt nicht wollen, dann das.

Ich knattere also gemütlich den Berg hoch zu unserer alten Ölmühle und werde dort – warum wundert mich das eigentlich noch? – empfangen, mit der Frage, die mir in den letzten zwanzig Jahren gefühlt am häufigsten gestellt wurde und mich oft in Stress versetzt: „Hast du schon übers Essen nachgedacht?“

Wie die Italiener übers Essen zu reden, hat den unschlagbaren Vorteil, dass die Ideen nie ausgehen. Deshalb weiß ich auch, dass es jetzt gleich eine Frittata mit Zucchini und Petersilie geben wird.

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